Yitar, der Reisende

Es ist früher Morgen, die Sonne ist kaum aufgegangen, aber sie versteckt sich hinter gewaltigen Wolken. Yitar verlässt den Frühstücksraum der Poststation und begibt sich zur Kutsche. Die ist schon hoch beladen mit dem Gepäck der Reisenden, die allerdings noch verschlafen neben der Kutsche stehen. Die Gehilfen verstauen noch die letzten großen Gepäckstücke auf dem Dach, dann geben sie die Kutsche frei und der Kutscher schwingt sich auf den Kutschbock. Die Passagiere werden eilig in die Kutsche gebeten und die Türen geschlossen.
Yitar setzt sich neben den Kutscher auf den Bock und verstaut ein kleines, wasserdicht verpacktes Paket zwischen seinen Füßen. Er mag nicht im Innenraum sitzen, eingeklemmt zwischen all diesen Leuten, und er nützt die Gelegenheit, denn der offizielle Begleiter ist krank geworden und fehlt seit der letzten Station.
Der Kutscher ist heilfroh, einen Begleiter zu haben, nachdem er sich vergewissert hat, dass Yitar auch mit der alten Flinte, die zur Kutsche gehört, umgehen kann und im Notfall auch gewillt ist, sie zu benützen. Und nun ziehen die Pferde an und der Wagen rumpelt los.
Die Postkutsche hat die dichtbesiedelte Gegend längst hinter sich gelassen und fährt durch eine einsame Heide. Gebüsch säumt die Straße und vereinzelte Baumgruppen beleben die Landschaft. Der Regen lässt noch auf sich warten, aber der Regen vom Vortag hat die Straße dennoch aufgeweicht und die Pferde mühen sich recht ab. Es ist ein Vierergespann, also keine Eilpost, und die Kutsche ist ziemlich überladen.
Weiter vor ihnen liegt ein Hindernis auf der Straße: es ist ein Karriol, dessen Rad gebrochen ist und das die Straße zum Teil versperrt. Die Postkutsche ist zu groß und zu sperrig, die kommt da nicht vorbei. Neben dem verunglückten Gefährt steht eine junge Dame, während ihr Begleiter mit den Pferden beschäftigt ist, die sich in ihrer Panik im Gestänge verfangen haben.
Die Postkutsche hält an und der Kutscher schimpft lautstark über die versperrte Straße und unfähige Wagenlenker. Yitar hingegen steigt ab und geht zu dem unglücklichen jungen Mann, um die Pferde zu beruhigen. Als das geschafft ist, muss das Karriol von der Straße geschafft werden. Da muss der Kutscher mit anfassen, was Yitar ihm diplomatisch beibringt. Einer der Passagiere der Kutsche hilft ihnen dabei. Zu guter Letzt ist die Straße wieder frei und alle Helfer sehen aus wie nach einer Schlammschlacht.
Nun erhebt sich die Frage: was macht man mit den Verunglückten? Man kann sie ja nicht einfach in ihrem Elend zurücklassen. Die junge Dame kann in der Kutsche untergebracht werden, Yitars Sitzplatz ist ja frei, aber der junge Mann kann die Pferde nicht an Ort und Stelle lassen. Er wird eines der Pferde reiten und das andere mit sich führen müssen, bis zur nächsten Unterbringungsmöglichkeit. Also erkundigt er sich nach dem nächsten Gasthof, wie weit es bis dahin wohl sein mag. Der Kutscher kennt die Strecke natürlich bestens und kann Auskunft geben: ein Ritt von etwa 2 Stunden.
Man berät, wie es weitergehen soll und beschließt, dass der junge Mann die Pferde zum Gasthof bringt und dort unterstellt. Yitar bietet der jungen Dame seinen Sitz im Wagen an und damit scheint das Problem gelöst. Die junge Frau akzeptiert diese Lösung und ist froh, dass Hilfe gekommen ist. Yitar sitzt wieder auf dem Kutschbock und unterhält sich, so gut es geht, mit dem jungen Reiter. Und so erfährt er die Geschichte, warum das Pärchen unterwegs ist.
„Wir sind Geschwister, Silla und ich, Antor ist mein Name,“ erzählt der junge Mann, „und unterwegs zum Haus eines Onkels, den wir nie gesehen haben. Aber er hat uns ein Erbe vermacht und wir müssen es möglichst schnell antreten, weil es mit einer Frist verbunden ist. Umso ärgerlicher ist dieser Unfall. Der Grund war eine Schlange, die sich über die Straße schlängelte, das machte die Pferde scheu … und ich konnte sie nicht mehr bändigen.“
Verlegen sieht der junge Mann zu Boden.
„Das passiert den Besten, machen Sie sich nichts draus. Wenn Sie es eilig haben, dann sollten wir eine Lösung finden.“ beruhigt Yitar seinen Gesprächspartner.
„Ich könnte mir vorstellen, dass Sie die Pferde im Gasthof unterbringen und mit der Postkutsche weiterfahren, wenn Sie dasselbe Ziel haben wie wir.“
Yitar schaut den Kutscher fest an und der senkt den Blick und nickt. Damit ist der junge Mann einverstanden, froh über die Lösung.
Der Gasthof macht einen guten Eindruck und der Wirt ist sehr hilfsbereit. Er hat Platz im Stall für die Pferde und kann auch einen guten Wagner zum Unglücksort schicken, der sich um das Rad kümmern soll. Antor verspricht, die Pferde so schnell wie möglich abholen zu lassen und alle sind mit dem Arrangement zufrieden.
Antor klettert auf den Kutschbock und richtet sich zwischen dem Kutscher und Yitar ein, so gut es geht und weiter geht die Reise. Am frühen Abend gelangen sie nach Lotarham, dem Ziel der Reise, und der Kutscher ist froh, sie wieder loszuwerden, aber ein gutes Trinkgeld von Yitar hebt seine Stimmung wieder.
Sie kehren im besten Gasthof der Stadt ein, um sich ein Abendessen zu gönnen und wieder frisch zu machen nach der Reise. Antor schickt Nachricht ins Haus des Onkels, damit man ihn und seine Schwester abholt.
„Yitar, ohne Sie hätten wir es nicht ans Ziel geschafft. Wollen Sie uns nicht begleiten und unsere Gastfreundschaft annehmen? Wir würden uns freuen, wenn unsere Bekanntschaft nicht hier enden wollte!“
Antor sieht Yitar offen an und auch seine Schwester schließt sich der Bitte an. Yitar überlegt kurz und nimmt die Einladung höflich und freundlich an.
So beginnt eine merkwürdige Geschichte.
Nach dem Abendessen kommt die Kutsche an, die vom Haus des verstorbenen Onkels geschickt wurde und sie treten den letzten Teil ihrer Reise an. Die Haushälterin empfängt sie und geleitet sie heimlichtuerisch in ein Zimmer am Ende des Ganges, dessen Türe hinter einem Vorhang verborgen ist. Die Geschwister sehen einander verwundert an.
Es ist ein gemütliches kleines Zimmer, im Kamin brennt ein Feuer und in einem der um das Feuer gruppierten Lehnstühle sitzt ein alter Herr und sieht ihnen gelassen entgegen.
„So,“ sagt er dann, „das sind also die Erben. Ihr habt Verstärkung mitgebracht?“
Antor erklärt, wer Yitar ist und warum sie ihn eingeladen haben, mit ihnen mitzukommen. Der alte Herr nickt.
„Das ist eure Entscheidung. Und nun sollt ihr erfahren, wer ich bin.“ Pause. „Ich bin euer verstorbener Onkel und der Erblasser.“
Die Geschwister erstarren erst, Silla wird blass, dann rot und wieder blass. Antor springt auf:
„Was ist das für ein Unfug? Wie können Sie hier so ruhig sitzen und uns diesen Blödsinn erzählen?“
„Kein Blödsinn, sondern Absicht. Setze dich wieder, Antor, und hört mir zu. Es gibt einen Grund für dieses Verwirrspiel.“
Antor setzt sich zögernd und Silla nimmt seine Hand. Sie braucht jetzt einen festen Punkt.
„Ich habe, mit Hilfe meines Arztes, meinen Tod vorgetäuscht, weil ich seit ein paar Wochen bedroht werde. Wie ihr vielleicht wisst, leben die meisten Mitglieder meines Zweiges der Familie nicht mehr und so seid ihr meine natürlichen Erben. Nun ist es aber so, dass ich den Sohn meiner zweiten Frau als eigenes Kind aufgezogen habe und er sich daran gewöhnt hat, sich als meinen Erben zu betrachten. Als er von meinem Testament erfuhr, wurde er zornig und fühlte sich betrogen. Ich habe ihm ein hohes Legat auf Lebenszeit ausgesetzt, aber damit will er sich nicht zufrieden geben. So verließ er das Haus im Zorn, ich habe ihn seither nicht mehr wiedergesehen.“ Er macht eine Pause. Dann fährt er fort:
„Seither sind mir ständig Unfälle zugestoßen, die ich nur mit viel Glück überstanden habe. Ich verstand nur nicht, was er davon hat, denn wenn ich tot bin, tritt mein Testament in Kraft, und genau das will er ja nicht. Aber nun wurde mir bekannt, dass mein Testament verschwunden und das vorherige bei meinem Nachlassverwalter aufgetaucht ist. Damit hat sich die Lage zugespitzt. So habe ich heimlich mein Testament wieder aufgesetzt und einem neuen Nachlassverwalter übergeben. Mit ihm zusammen und mit meinem Arzt, dem ich blind vertraue, habe ich das Gerücht von meinem Tod ausgestreut und veranlasst, dass ich schon am nächsten Tag beerdigt wurde. So konnte niemand den Betrug entdecken.“
Silla und Antor sind fassungslos. Yitar lehnt sich entspannt in seinem Lehnsessel zurück und verhält sich absolut ruhig.
„Aber was können wir denn tun? Das ist ja die reinste Räubergeschichte!“ ruft Antor aus.
„Ganz einfach: ihr tretet das Erbe an, ich bleibe im Verborgenen, vorderhand, und ihr seid höllisch vorsichtig. Wir müssen den Kerl aus seinem Versteck locken und entlarven. Dazu habe ich diese geheime Kammer im Haus für mich als Lebensraum hergerichtet. Storvan weiß davon nichts. Hier werde ich mich aufhalten und ihr müsst mich insgeheim versorgen. Meiner Haushälterin kann ich vertrauen. Und wenn er sich blicken lässt, offiziell wisst ihr ja nichts von seinem Streit mit mir, dann tauche ich auf und konfrontiere ihn mit den Tatsachen. Das könnte allerdings ziemlich gefährlich werden für euch.“
Antor sieht Yitar an.
„Es tut mir leid, dass wir Sie da hineingezogen haben. Wenn Sie jetzt lieber gehen wollen, kann ich das sehr gut verstehen. Aber bleiben Sie wenigstens über Nacht und verlassen Sie uns morgen früh ausgeruht. Sie sollen aber wissen: wir werden Ihre Abreise sehr bedauern, denn wir werden uns Ihnen immer verpflichtet fühlen, aus Dankbarkeit und aus Neigung.“
Yitar lächelt leise und antwortet ruhig:
„Wenn ich Ihnen irgendwie nützlich sein kann, bleibe ich gerne. Ich mag Leute, die ihre Grenzen überschreiten, nicht sehr. Also: spannen Sie mich ruhig ein.“
Antor und Silla fassen seine Hände und strahlen ihn an.
„Abgemacht, dann sind wir zu viert. Storvan wird sich wundern!“
Ihr Onkel schmunzelt. Er hat seine Truppen erfolgreich versammelt und sieht mit Zuversicht in die Zukunft.
Am nächsten Morgen erscheint der Notar zur festgelegten Stunde, um das Testament zu eröffnen. Mit ihm erscheint der neue Nachlassverwalter. Gleich nach ihnen tritt ein junger Mann grußlos ins Zimmer, der so ziemlich das Gegenteil des braunhaarigen Antor ist: blond, eine Spur untersetzt, aber gut aussehend, und sehr selbstsicher. Nach ihm kommen die Haushälterin und ihr Mann, der den Garten versorgt, dann sind alle versammelt.
Der Notar verliest das Testament. Die Erben sind Silla und Antor und Storvan erbt einen kleinen Landsitz und ein Legat, das seinen Unterhalt bis an sein Lebensende sichert. Ein weiteres kleineres Legat wurde für die Haushälterin und ihren Mann ausgesetzt und die beiden sind sehr glücklich darüber.
Storvan ist aufgesprungen und brüllt: „Was ist das für ein Testament? Das ist nicht möglich! ICH bin der Sohn und habe das Recht, alles zu erben! Und wer ist das überhaupt?“ Er deutet auf den ganz ruhig dasitzenden Nachlassverwalter.
Der Notar bleibt ruhig. „Sie sind der Ziehsohn und Silla und Antor sind die natürlichen Erben als nächste Verwandte des Verstorbenen. Sie sind großzügig versorgt, wie können Sie damit nicht zufrieden sein?“ Er wendet sich an den Nachlassverwalter. „Sie sind an der Reihe, Herr Komodor.“
Dieser ist sitzen geblieben. Er misst Storvan von oben bis unten und erklärt dann gelassen:
„Ich bin der Nachlassverwalter nach meinem Freund Voltur. Er hat mich dazu bestimmt, als er das neue Testament aufsetzte, nachdem das ursprüngliche erstaunlicherweise verschwunden war. Können Sie das erklären?“
Storvan schweigt, aber man sieht, dass er vor Wut kocht. Er will den Raum verlassen, da hält ihn die ruhige Stimme Komodors zurück:
„Übrigens: Herr Voltur hat mir einen Brief hinterlassen. Darin bestimmt er, dass im Falle unerklärlicher Unglücksfälle, die den Haupterben zustoßen sollten, Ihr Erbe sofort verfällt und Sie gar nichts mehr erhalten. Dieser Brief kann als Anhang zum Testament gelten, denn er wurde in Gegenwart des Notars verfasst und von zwei Zeugen unterschrieben.“
Jetzt hält nichts mehr Storvan. Vor Wut brüllend verlässt er den Raum und knallt die Türe hinter sich zu. Im Zimmer herrscht Stille, eine dicke, erstickende Stille. Dann steht Yitar auf und öffnet ein Fenster. Das löst die allgemeine Starre. Die Haushälterin und ihr Mann ziehen sich zurück und die Zurückbleibenden entspannen sich ein bisschen. Dann löst sich die Gesellschaft auf, denn der Notar verabschiedet sich, er hat seine Pflicht getan.
"Eine Frage, Herr Komodor: sind Sie mit dem Haushalt hier komplett vertraut? Wenn ja: wie steht es mit der Dienerschaft? Wie sehr ist sie Storvan verbunden? Sie alle haben ihn ja hier aufwachsen gesehen."
Es ist das erste Mal, dass Yitar sich zu Wort meldet. Herr Komodor nickt beifällig.
"Sie legen den Finger in die Wunde, Herr ...?"
Antor stellt Yitar nun vor und der Nachlassverwalter ist zufrieden. Nachdenklich sieht er vor sich hin und antwortet dann:
"Ja, ich kenne den Haushalt sehr gut, ich bin ein alter Freund des Erblassers. Die Dienerschaft dürfte zweigeteilt sein: die älteren neigen sicherlich Voltur und seinen Blutsverwandten zu, bei den jüngeren Bediensteten bin ich mir nicht so sicher. Ich könnte mir vorstellen, dass Storvan hier durchaus Anhänger und Helfer hat."
"So ist Vorsicht geboten. Denn eines steht fest, so scheint mir: wenn etwas passiert, wird sich der Vorfall nicht so einfach zu Storvan zurückverfolgen lassen."
"So sehe ich das auch, Herr Yitar. Sie scheinen mir ein erfahrener Mann zu sein. Werden Sie hierbleiben und ein wenig auf die jungen Leute achten?"
"Solange Silla und Antor mich hierhaben wollen, bleibe ich."
Die Geschwister beteuern sofort, dass sie Yitar auf jeden Fall hierbehalten wollten, er sei ja inzwischen mehr ein Freund als eine zufällige Reisebekanntschaft. Komodor sieht sehr zufrieden aus. Er hat einen guten Eindruck von Yitar gewonnen.
Er erhebt sich und wendet sich an Antor und Silla:
„Auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer eures Onkels liegen alle nötigen Papiere. Was bei den Behörden zu erledigen ist, werde ich regeln. Ihr solltet euch jetzt in Ruhe mit dem Haushalt und den Ländereien vertraut machen und die Leute kennenlernen, Dienstboten und Nachbarn. Das wird einige Zeit dauern. Ich verlasse euch jetzt, aber ihr könnt mich jederzeit erreichen, wenn ihr Unterstützung braucht. Alles Gute euch und bis bald!“
Er nickt auch Yitar freundlich zu und verlässt den Raum. Yitar geht wieder zum Fenster und schaut hinaus. Er kann die Auffahrt sehen bis zur Straße, so hat er sich auch vergewissert, dass Storvan wirklich das Grundstück verlassen hat.
Auf Bitte von Silla ruft die Haushälterin alle Bediensteten zusammen und Silla und Antor machen sich mit ihnen bekannt. Der Verwalter der Ländereien hat sich für den nächsten Morgen angekündigt, so ist das Wichtigste geregelt und man kann an das Mittagessen denken. Unter dem Vorwand, mehr Informationen zu erhalten, wird die Haushälterin eingeladen, mit ihnen zu essen, dafür sorgt Yitar. Er schärft Bruder und Schwester auch ein, nur das zu essen, was auch die Haushälterin isst. Erstaunt und beunruhigt stimmen sie zu.
So verläuft das Mittagessen in voller Harmonie. Die Haushälterin ist zwar ein bisschen verlegen, aber dennoch erfreut, und Yitar, Silla und Antor halten eine freundliche Unterhaltung aufrecht. Natürlich fragen sie die Haushälterin über die Dienerschaft aus, aber das Thema "Onkel" wird total ausgespart.
Auf die gleiche Art verfahren sie mit dem Abendessen, und so überstehen sie den Tag gut. Ihr Gepäck ist am Vorabend eingelangt, die Zimmer sind fertig für sie und die Koffer sind ausgepackt, so können sie es sich gemütlich machen und nach diesem aufregenden Tag sind sie auch sehr müde. Was gestern noch ein Provisorium war, ist heute schon die neue Hausordnung.
Auch der nächste Tag ist dem Einleben gewidmet. Antor lernt den Verwalter kennen und reitet mit ihm die Ländereien ab und Silla lässt sich von der Haushälterin in den Hausgebrauch einführen. Yitar aber sucht Voltur in dessen Refugium auf, um mit ihm die Geschehnisse durchzusprechen und über die beste Vorgangsweise zu beraten. Voltur hat ihn längst als Beschützer seiner Nichte und seines Neffen akzeptiert. Auch beraten sie über die Anschaffung eines Hundes für Antor und einer Katze für Silla, vorausgesetzt, die Beiden sind damit einverstanden. So ist alles geregelt und auch Yitar ist zufrieden.
Silla ist von dem Gedanken an ein Kätzchen begeistert und kann es gar nicht erwarten, und auch Antor kann sich mit dem Gedanken an einen liebenswerten Welpen anfreunden. Yitor ist beruhigt, die beiden Tiere werden unauffällig die Vorkoster bei Tisch werden.
In den nächsten Tagen geschieht nichts Beunruhigendes. Silla und Antor stellen sich ihren nächsten Nachbarn vor, woraufhin es natürlich Einladungen hagelt. Auch lernen sie die Dienstboten des Hauses besser kennen, Antor wird vom Kammerdiener seines Onkels betreut, alles andere hätte den Haushalt verwundert, und Silla stellt ein junges Mädchen ein, mit dem sie sich schnell anfreundet.
Yitar schließt Bekanntschaft mit dem Stallpersonal, vor allem mit Volturs Reitknecht, Hama. Dieser ist in die Verschwörung eingeweiht, denn er genießt das volle Vertrauen seines Herrn. Ihm wird auch Antors Sicherheit anvertraut. Auffallend ist, dass Storvans Stallbursche im Dienst geblieben ist, und so trauen ihm weder Yitar noch Hama.
Auf diese Art und Weise versucht Yitar, das Umfeld Antors möglichst sicher zu gestalten. Auf Sillas Umgebung hat er recht wenig Einfluss, dennoch beobachtet er ihr Mädchen sehr genau. Sie ist eine Nichte der Haushälterin und anscheinend ihrer neuen Herrin sehr ergeben.
Von Storvan ist nichts zu hören und zu sehen. Er hat sich auch auf seinem Erbe nicht blicken lassen und das beunruhigt Yitar. Storvan ist wie vom Erdboden verschwunden.
Inzwischen haben Silla und Antor sich daran gewöhnt, morgens auszureiten, und sie haben auch schon einen Lieblings-Rastplatz, eine Bank auf einem niedrigen, von Bäumen locker bestandenen Hügel. Antors Welpe läuft gewöhnlich mit ihnen mit und liegt dann mit hängender Zunge zu ihren Füßen, während sie den Ausblick genießen.
An diesem Morgen ist der Hund unruhig, er schnüffelt herum und findet keine Ruhe. Silla wird auch etwas unruhig und so kürzen sie ihren Aufenthalt ab und reiten bald zurück. Unterwegs im Wäldchen fängt der Hund an zu knurren und im selben Augenblick steigt Antors Pferd, um nicht auf den Hund zu treten, der vor seinen Füßen aufgeregt den Weg kreuzt, und ein Schuss knallt und die Kugel verfehlt Antor nur knapp. Der Reitknecht reagiert schnell und stürzt sich in das Wäldchen, um den Schützen zu stellen, aber da ist niemand mehr und in der Ferne verhallt Hufschlag.
Die Geschwister erreichen das Haus in großer Aufregung. Das war der erste Anschlag und er wäre um Haaresbreite geglückt. Der Hund ist der Held des Tages und genießt das rückhaltlos, mit Häppchen vom Tisch und zusätzlichen Streicheleinheiten. Aber nun sind die Geschwister endgültig gewarnt und nehmen Yitars Sicherheitsmaßnahmen wirklich ernst. Das macht sich auch bald bezahlt.
Sillas Kätzchen hat seinen festen Platz in ihrem Bett und meist sucht sie ihren Schlafplatz auf, ehe Silla selbst zu Bett geht. An diesem Abend hören sie einen Schrei aus Sillas Zimmer, Yitar und Antor stürzen in den Raum und finden die Katze fauchend auf dem Bett und Sillas Mädchen mit einem Schürhaken auf das Bett einschlagend. Die Ursache ist gleich entdeckt: eine kleine Giftschlange versucht aus dem Bett zu entkommen und wird schnell von Antor getötet. Aber: wie kam die Schlange in das Zimmer?
Das ist die Frage, die nicht nur Yitar sich stellt. Erst muss aber Ruhe einkehren. Zum Glück ist Silla nur erschrocken, aber nicht hysterisch und so sieht sie keinen Grund, nicht in ihrem Zimmer zu übernachten. Antor runzelt zwar die Stirn, erklärt sich aber damit einverstanden, weil er nicht zuviel Wirbel machen will.
Yitar nimmt das Mädchen mit sich, als er die Geschwister verlässt, und geht mit ihr in ein leeres Gästezimmer. Erst fragt er sie nach ihrem Namen und dann redet beruhigend mit ihr und merkt an, wie sehr er ihre Geistesgegenwart zu schätzen weiß. Er lässt sie einfach erzählen, wie sie auf die Gefahr aufmerksam wurde und darüber beruhigt sich Issa. Dann fragt er sie, wie sie sich im Haushalt eingelebt habe und wer von der Dienerschaft ihr angenehm sei und wer nicht. Das klingt wie ein lockeres Gespräch und Issa hat sich ganz entspannt.
„Ach,“ meint sie, „im allgemeinen sind alle hier sehr nett. Na ja, einer der Diener ist ein bisschen zu nett, aber Tante sagt, ich solle ihn weiter nicht beachten. Ein Problem ist nur das alte Kindermädchen, sie ist ständig unzufrieden, seit der junge Herr weg ist. Und sie schimpft uns undankbar und untreu. Aber das sind wir doch nicht! Wir sind ja nicht seine Dienstboten, sondern die des alten Herrn und nun seiner Erben. Oder sehe ich das falsch?“
„Du hast völlig recht,“ erwidert Yitar, „und das Kindermädchen ist im Unrecht. Andererseits ist ihre Haltung verständlich, sie hat ihren Schützling natürlich liebgewonnen und steht somit auf seiner Seite. Hat sie eigentlich Freunde unter dem Personal?“
„Nicht wirklich, sie hält sich immer für etwas Besseres. Deshalb versteht auch keiner, warum sie gar so dick ist mit dem Stallknecht des jungen Herrn!“ Issa erschrickt, als ihr das herausrutscht. Offensichtlich sollte darüber nicht gesprochen werden.
Yitar geht über diese Äußerung hinweg, als hätte sie nichts gesagt und so verlässt ihn Issa ganz beruhigt. Ihm aber gibt dieser Umstand zu denken. Kindermädchen und Stallknecht? Eine höchst unwahrscheinliche Konstellation, die irgendeinen Hintergrund haben muss.
Hat die Kinderfrau ihre Hände im Spiel? Weiß sie Bescheid? Aber wie wurde die Schlange transportiert? Hm – ein Deckelkorb? Und wie kann sich das Kindermädchen so weit vergessen und zum Mordkomplizen machen? Was steckt dahinter?
Als Yitar ein Stubenmädchen über den Weg läuft, fragt er sie nach einem Deckelkorb, der ihm abhanden gekommen sei. Sie verspricht ihm, danach Ausschau zu halten und Yitar lässt das Thema vorderhand ruhen.
Nach dem abendlichen Aufruhr lässt Silla auf Yitars Anraten den Arzt ihres Onkels kommen und es wird das Gerücht ausgestreut, dass sie todkrank ist nach einem Schlangenbiss. Der Arzt wird eingeweiht und verlässt ihr Zimmer mit ernster Miene. Es dauert nicht lange, da klopft das Kindermädchen an die Türe und betritt Sillas Zimmer ohne Aufforderung, denn sie weiß, dass Issa nicht da ist. Sie findet Silla im Bett liegend, schweißüberströmt und zitternd. Sie reicht der Leidenden ein Glas Wasser, das sie auf dem Nachttischchen vorfindet, aber Silla dreht den Kopf weg. So stellt das Kindermädchen das Glas wieder ab und verlässt den Raum.
Yitar aber geht ins Zimmer, schüttet das Glas aus und wäscht es aus und erneuert das Wasser. Silla setzt sich auf: „Ist sie weg?“
Yitar nickt, rät ihr aber, noch im Bett zu bleiben, sicherheitshalber. Antor kommt zu ihnen und fragt: „Soll Silla sterben?“ – „Noch nicht gleich, wir warten noch einen Tag. Mal sehen, was dir passieren soll.“
Sie sind längst zum Du übergegangen, denn sie sind Gefährten auf Leben und Tod geworden.
Silla seufzt. „Ein ganzer Tag im Bett wäre schön, wenn ich ihn genießen könnte, aber so … Übrigens, wann kommt Issa zurück?“
„Nicht vor morgen, ihre Mutter fühlt sich nicht gut und sie muss die kleinen Geschwister versorgen.“
Antor nickt. „Das ist gut, dann brauchen wir sie nicht einzuweihen. Was sagt Onkel zu dem Plan?“
„Er heißt ihn gut und ist schon sehr gespannt, was sich weiter tun wird. Außerdem wird ihm schrecklich langweilig, so eingesperrt in seinem Zimmer,“ schmunzelt Yitar. „Besucht ihn hin und wieder, aber seid vorsichtig, ja?“
Die Geschwister willigen ein und Antor meint: „Ich reite heute Abend mit Rollo zu unseren nächsten Nachbarn, sie erwarten mich um acht Uhr. Hama wird mich nicht begleiten, aber er folgt mir in sicherem Abstand. – Ich fühle mich nicht sonderlich wohl, so als Lockvogel …“ gesteht er dann, ein bisschen verlegen.
„Das wundert mich nicht. Aber ich werde euch auch folgen und ich werde auch den Förster und seinen Hund mitnehmen. Die Haushälterin wird bei dir bleiben, Silla, und auch ein Dienstmädchen, dem sie vertraut. Ich hoffe, dass alles so laufen wird, wie wir uns das vorstellen.“
„Das hoffen wir auch,“ seufzt Silla und sieht ihren Bruder besorgt an. Der versucht tapfer, zuversichtlich zu wirken und verlässt den Raum, um sich vorzubereiten. Yitar bleibt, bis ihn die Haushälterin ablöst, dann geht er, um Voltur zu besuchen.
Der alte Herr sitzt in seinem Zimmer und ist ungewohnt zapplig. Er hat längst gemerkt, dass etwas im Busch ist und ärgert sich, weil er nichts tun kann.
„Ich weiß,“ sagt Yitar, „dass Sie schon ganz krank sind vor Unruhe. Aber es hilft nichts, Sie haben sich selbst verbannt und noch ist nicht der Augenblick, an dem Sie in Erscheinung treten dürfen. Übrigens: wie sehr vertrauen Sie Ihrem Kammerdiener?“
„Weshalb die Frage? Ich vertraue ihm völlig, jedenfalls soweit es mich betrifft. Und ich vertraue ihm gut genug, dass ich ihm aufgetragen habe, Antor zu betreuen. Aber ich habe ihm nicht gesagt, dass ich noch lebe.“
„Nun, dann werden wir ihn auch nicht einweihen. Aber ich brauche jemanden, der sich heute Nacht bei Ihnen aufhält und Sie nicht aus den Augen lässt. Wie steht es mit dem Mann der Haushälterin?“
„Der ist über jeden Zweifel erhaben,“ sagt der alte Herr, „er hat sich treu bewährt.“
„Gut, dann werde ich ihn einweihen und er soll bei Ihnen Wache halten.“
Yitar erzählt dem alten Herrn, was sie vorhaben und wie der Plan funktionieren soll. Er vermutet auch, dass das Kindermädchen Verdacht geschöpft haben könnte. Sie ist auch lange genug im Haus, um alle – ALLE! – Räume zu kennen. Und ihre Verbindung mit dem Stallknecht Rollo ist verdächtig genug.
Der alte Herr steht auf und geht zu dem Schrank, der ihm als Sekretär dient und entnimmt einer Lade eine Pistole und ein paar Magazine. Yitar sieht, dass die Waffe sehr gepflegt und gut geölt ist.
„Ja, die habe ich in den letzten Wochen vorsorglich gereinigt und gepflegt. Ich hatte das Gefühl, ich müsse gerüstet sein.“ erklärt Voltur.
Yitar nickt. „Das ist eine gute Idee und beruhigt mich. Gut, dann hole ich den Gärtner und Sie sehen sich bitte vor. Und keinen Laut, bitte!“
Yitar ist zufrieden. Die Kulissen sind bereit, die Schauspieler sind vorbereitet, die Szene ist gestellt. Rollo ist aus dem Haus, denn er begleitet das Opfer. Hama ist unter einem Vorwand offiziell nicht da, aber er folgt den beiden Reitern zu Pferd, um schnell an Ort und Stelle zu sein. Yitar hat das Haus vorbereitet, damit er frei ist, Hama zu sichern, und weil ein Mann eventuell nicht genügt, hat er den Förster mit sich. Der Hund ist auf jeden Fall nützlich, weil er warnt.
Auf die Haushälterin und ihren Mann ist auch Verlass, sie stehen treu zu ihrem Herrn. So ist alles Menschenmögliche getan, um seinen Schützlingen das Überleben zu sichern.
Er selbst begibt sich ins Försterhaus, um dort die Zeit abzuwarten. Damit ist er aus dem Weg und Storvan sollte sich sicher fühlen. Ein Fenster im Försterhaus ist offen und jeder, der vorbei geht, kann sehen, dass Yitar und der Förster eifrig mit den Würfeln beschäftigt sind.
In der Zwischenzeit ist es ruhig im Haus. Die Bediensteten, die im Haus wohnen, sitzen in der Küche beim Abendessen, Silla liegt in ihrem Zimmer, angeblich im Sterben, die Haushälterin sitzt bei ihr, es brennt nur eine Nachtkerze, sonst ist es dunkel. Antor ist unterwegs zur Abendveranstaltung seiner Nachbarn und auch Yitar ist außer Haus.
Das Kindermädchen verlässt verstohlen ihr Zimmer. Sie streift fast lautlos durch das Haus, horcht an dieser oder jener Zimmertüre und geht schließlich zurück. Auf dem Weg in ihr Zimmer schiebt sie auch den Vorhang vor der Tür zu Volturs Zimmer zurück. Es ist alles still, aber ihr entgeht nicht der schwache Lichtschein unter der Tür. Sie lächelt böse, zieht den Vorhang wieder vor und eilt in ihr Zimmer. Hier stellt sie eine brennende Kerze in das Fenster, löscht das übrige Licht und setzt sich angezogen an den kleinen Schreibtisch.
Antor und Rollo reiten flott, denn Antor will pünktlich sein. Als sie in das Wäldchen einreiten, bleibt Rollo ein bisschen zurück, ohne dass Antor das bemerkt. Plötzlich strauchelt sein Pferd und wirft ihn ab; er schlägt hart auf dem Boden auf und verliert kurz das Bewusstsein. Jetzt springt Rollo vom Pferd und neigt sich über den Bewusstlosen, in seiner Hand blitzt ein Messer. Da packt ihn eine harte Hand am Kragen und reißt ihn zurück und ein Schlag an den Kopf lässt ihn ohnmächtig zu Boden sinken. Hama hat gut aufgepasst und in diesem Augenblick sind auch schon Yitar und der Förster bei ihm. Rollo wird gefesselt und auf sein Pferd gebunden, während Yitar sich um Antor kümmert. Der kommt gerade wieder zu sich und Yitar stellt fest: nichts gebrochen. Dann hat er Zeit, sich um die Ursache des Unfalls zu kümmern: ein Seil, ganz niedrig über den Weg gespannt, hat das Pferd straucheln lassen. Es ist nur leicht verletzt, lahmt aber, als es zurückgeführt wird. Der Förster nimmt Antor auf sein Pferd, denn der ist noch ziemlich benommen, und so reiten sie zurück zum Försterhaus.
Yitar hat es jetzt eilig, heimzukommen. Er überlässt Antor und den Stallknecht Hama und dem Förster und reitet voraus. Unruhe hat ihn erfasst; Antor zu beschützen ist gelungen, aber was ist mit Silla und vor allem: Voltur. Yitar traut dem Kindermädchen absolut nicht, er ist nicht sicher, was sie weiß oder vermutet und er riecht Unrat.
Am Haus angekommen, überlässt er sein Pferd einem herbeieilenden Stallknecht und eilt die Stufen hinauf. Sein erster Weg führt ihn in Sillas Zimmer, wo Ruhe herrscht. Dem Himmel sei Dank! Silla ist wach, ebenso wie die Haushälterin, und beide sind glücklich, als er ihnen schnell sagt, dass mit Antor alles gut sei.
Dann eilt er zu Volturs Zimmer. Der aufgezogene Vorhang sagt ihm alles und er wirft sich förmlich gegen die Tür, die sich willig öffnet.
„Nun, dann können wir ja vollendete Tatsachen schaffen, lieber Ziehvater, nicht wahr? Rühre dich nicht!“ Storvans Stimme! Er steht mitten im hell erleuchteten Zimmer, eine Pistole auf Voltur gerichtet. Der sitzt in seinem Lehnstuhl nah dem Kaminfeuer, beide Hände auf die Armstützen gelegt und sieht Storvan gerade ins Gesicht. Aber wo ist der Gärtner?
Yitars stürmischer Eintritt lenkt Storvan einen Augenblick ab, und den nützt der Gärtner, der sich hinter dem langen Vorhang am Fenster versteckt hat. Er wirft sich auf Storvan und greift nach der Pistolenhand, Storvan versucht ihn abzuschütteln, da löst sich ein Schuss. In diesem Augenblick ist auch Yitar bei ihnen und ein gekonnter Druck auf die Halsschlagader raubt Storvan das Bewusstsein.
Der Schuss ... was ist passiert ... Voltur kniet vor dem Kamin, beide Hände auf dem Boden. Als Yirtan erschrocken zu ihm tritt, sieht der alte Herr hoch und sagt fröhlich:
„Noch ist es nicht soweit!“
Yitar atmet auf, dann beginnt er zu lachen wie verrückt und stammelt:
„D-das s-sieht Ihnen ähnlich!“
So löst sich die übergroße Spannung in dem Mann, der sich zur Aufgabe gemacht hat, die Bewohner dieses Hauses zu beschützen, der aber nicht überall zugleich sein konnte.
Storvan wurde inzwischen vom Gärtner hübsch zusammengeschnürt und wartet nun auf den Abtransport, damit beraten werden kann, was mit den verbrecherischen Kerlen geschehen soll. In diesem Augenblick öffnet sich die Tür wieder und das Kindermädchen tritt ein. Erst steht sie wie erstarrt da, als ihr Blick auf den gefesselten Storvan fällt, dann sinkt sie neben ihm auf die Knie und jammert:
„Was hat man dir angetan, mein Liebling! Warte, ich helfe dir gleich!“
Und sie versucht, seine Fesseln zu lösen. Yitar zieht sie weg und schubst sie in einen der Sessel.
„Da bleiben Sie jetzt sitzen, meine Gute, und rühren sich besser nicht. Als Mithelferin bei versuchtem Mord droht Ihnen der Galgen, also seien Sie hübsch ruhig und bescheiden!“ knurrt Yitar sie an.
Die arme alte Jungfer bricht in Tränen aus und sagt nichts mehr. Der brave Gärtner ruft seine Frau herbei und die kümmert sich um das ehemalige Kindermädchen. Dann begeben sich alle Beteiligten, mehr oder minder freiwillig, in das Försterhaus, dessen Fenster jetzt verhangen ist. Antor und Silla werden gerufen und finden sich auch ein.
Nun werden die Delinquenten erst einmal auf Stühle gesetzt und festgebunden. Und dann - ja, was dann? Die Polizei kann man nicht gut rufen, wenn man nicht den guten Ruf der Familie ruinieren will. Das weiß Storvan genauso gut wie alle anderen und seine Lebensgeister erwachen wieder. Er grinst in die Runde und lümmelt auf dem Stuhl, so gut seine Fesseln es zulassen.
„Na, ratlos? Oder riskieren wir einen Skandal?“ fragt er hämisch. Silla streift ihn mit einem verächtlichen Blick und Antor knurrt leise. Rollo kichert. Hama sieht Rollo an und spuckt ihm ins Gesicht. Yitar hat sich in den Hintergrund verzogen, sitzt dort im Schatten und verhält sich ruhig. Die Haushälterin und ihr Mann haben sich auf einen Wink Volturs zurückgezogen.
Voltur sieht seinen Ziehsohn an.
„Nein, wir wollen keinen Skandal. Der würde übrigens auch dich ruinieren, falls du das noch nicht mitgekriegt haben solltest, lieber „Sohn“. Aber das scheint dir ja egal zu sein. Nun, du hast jedenfalls klare Verhältnisse geschaffen. Danach wollen wir uns richten.“
„Du kannst mir gar nichts tun!“ lacht Storvan.
„Ich will dir ja gar nichts tun!“ kontert Voltur. Storvan schluckt verblüfft. Hama, Antor und Silla schauen schnell auf; was meint Voltur?
„Wir schicken euch postwendend weg, und zwar so weit, dass ihr nicht so bald wiederkommen könnt. Das heißt: ans andere Ende der Welt. Dort gehört mir eine Farm, die könnt ihr bewirtschaften, wenn ihr wollt. Dafür, dass ihr nicht gleich wieder ausreißt, werden meine Leute an Ort und Stelle sorgen. Diese Insel gehört nämlich ausschließlich mir. Ihr seid auf Lebenszeit verbannt, alle drei. Ihr werdet weggeschafft, sobald ich den Transport organisieren kann.“
Rollo fängt an zu jammern und auch das Kindermädchen sieht sehr unglücklich drein. Storvan aber spuckt auf den Boden und sagt nichts mehr.
Voltur wendet sich an den Förster:
„Kannst du die Drei bei dir eingesperrt lassen bis morgen?“ Der Förster nickt. „Es wird ihnen nicht gefallen.“ stellt er trocken fest. Und das ist tatsächlich abzusehen.
Bis auf die drei Gefangenen und den Förster begibt sich die ganze Gesellschaft zurück ins Haus. Hama ist auch dabei, denn er hat noch eine Aufgabe.
„So, ich muss jetzt ein paar Briefe schreiben,“ erklärt Voltur, „und dich, Hama, bitte ich, sie noch heute Nacht auszuliefern. Tust du mir den Gefallen?“ Hama nickt und setzt sich in eine Ecke, um zu warten.
Yitar hat sich bisher zurückgehalten, jetzt aber muss er reden.
„Ich weiß ein Schiff, das die Gefangenen an ihr Ziel bringen kann. Und ich bin bereit, sie auf das Schiff zu verfrachten, wenn Sie mir Hama mitgeben und eine Kutsche bereitstellen. Ich habe vor, morgen abzureisen, denn meine Zeit hier ist abgelaufen.“
Jetzt erhebt sich lauter Protest von den Geschwistern, sie wollen Yitar um keinen Preis weglassen.
„Wir haben gehofft, dass du sehr lange bei uns bleiben wirst, lieber Yitar!“ sagt Silla und sieht ihn flehend an. Antor pflichtet ihr bei und setzt hinzu:
„Du weißt, dass das nicht nur aus Dankbarkeit geschieht. Wir haben dich bereits als Mitglied der Familie gesehen, bitte bleib!“
Yitar schüttelt den Kopf.
„Ich bin schon zu lange da. Ihr kennt den Spruch: ein Gast ist wie ein Fisch. Der fängt nach drei Tagen zu riechen an. Es ist für mich Zeit, weiterzuziehen und da kann ich mich gleich nützlich machen. Es ist mir eine Ehre und Freude, dass ihr mich so liebevoll aufgenommen habt, aber ich bin ein Zugvogel. Versucht nicht, mich zu halten. Das kann nicht funktionieren. Aber ich werde immer an euch als meine Familie denken.“
Voltur sieht Yitar nachdenklich an.
„Ich verstehe und werde Sie nicht aufhalten. Im Gegenteil: ich bin Ihnen dankbar; für alles, was Sie für uns getan haben und auch, dass Sie mir jetzt noch eine große Sorge abnehmen. Genießen Sie noch den letzten Rest dieser Nacht bei uns und ruhen Sie sich aus. Und kommen Sie wieder.“
Er spricht Yitar als Gleichgestellten an und als solchen sieht er ihn auch. Auf sein Zeichen hin ziehen sich alle zurück, um noch die letzten Stunden der Nacht zu ruhen.
Am nächsten Tag steht Yitar schon morgens reisefertig da, auch Hama ist bereit für die Reise und steckt die Briefe ein, die mit den Gefangenen auf die Reise gehen sollen.
Der Abschied ist kurz. Sobald die Gefangenen in der Kutsche verstaut sind, setzt sich Hama auf den Kutschbock, nimmt die Zügel auf und Yitar nimmt an seiner Seite Platz.
Ein letztes Lebewohl schallt ihnen nach und dann rollt die Kutsche in eine neue Geschichte.