Schmetterling

Teenager mit einem Schmetterling auf seinem FingerLodan sitzt wie jeden freien Tag auf der Wiese am Waldrand, den Rücken an den Baumstamm gelehnt, und freut sich an dem Treiben dort. Wunderschöne Wiesenblumen locken allerlei Getier an, geflügelt und ungeflügelt, das sich an ihrem Nektar laben mag. Am schönsten aber sind die vielen Schmetterlinge, die im Sonnenschein von Blüte zu Blüte tanzen. Er kann sich gar nicht sattsehen daran.

Was ist denn das?

Da kommt ein junger Mann daher mit einem Schmetterlingsnetz und eröffnet die Jagd auf die bunten Schönheiten! Und schon hat er einen besonders schönen Schmetterling in seinem Netz gefangen. Das arme Tierchen flattert verzweifelt und findet keinen Ausweg. Das kann Lodan nicht länger ansehen. Er stürmt auf den Kerl zu, entreißt ihm das Netz und leert es augenblicklich aus, ehe der Bursche noch anfangen kann, zu protestieren. Dann aber regt der sich gewaltig auf:

„He, wie kommst du dazu, mich so zu überfallen und mir meinen Schmetterling wegzunehmen? Noch dazu das ein besonders schönes Exemplar für meine Sammlung wäre!“

„Tiere zu sammeln und tot an die Wand zu hängen ist krank!“ faucht ihn Lodan an und kehrt ihm verächtlich den Rücken zu. Der Schmetterlingsjäger kocht vor Wut und verlässt die Wiese, um anderswo sein Glück zu versuchen.

Der befreite Schmetterling ist aber auch besonders schön, das muss Lodan zugeben. Feenzart, alles an dem Geschöpfchen ist zauberhaft. Die kleine Schönheit fliegt auch nicht davon, sondern umfliegt Lodan ein paarmal, bleibt kurz vor Lodans Gesicht in der Luft stehen und löst sich dann einfach in nichts auf.

Hoppla!

„Das habe ich mir wohl eingebildet!“ brummelt Lodan vor sich hin und begibt sich auf den Heimweg.

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Auch der nächste Tag ist wunderschön sonnig, wie es sich für einen Ferientag gehört, und natürlich sucht Lodan wieder seine Blumenwiese auf.

Und da ist sie wieder, die Schönheit in Gestalt eines Schmetterlings. Sie tanzt eine Weile mit ihren Gefährten, dann setzt sie sich auf Lodans Hand, die sein Buch hält, und ruht.

„Schön, dich wiederzusehen, du Schönes!“ flüstert Lodan. „Willst du mir etwas sagen, du kleine Fee?“

Der Schmetterling schlägt mit den Flügeln und sieht seinem Retter direkt in die Augen. Und irgendwie fühlt Lodan sich auf einmal so glücklich wie noch nie. So sitzen sie fast den ganzen Nachmittag und die Sonne schien noch nie in seinem Leben so golden. Als sie sich zum Untergehen bereit macht, umfliegt die kleine Fee wie am Vortag wieder Lodans Gesicht, sieht ihm kurz in die Augen und löst sich wieder auf, als wäre er nie dagewesen.

Lodan seufzt und trägt das Gefühlt tiefen Glücks nach Hause.

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Auch die nächsten Tage verbringt Lodan auf der Wiese in Gesellschaft „seines“ Schmetterlings. Sie leisten einander Gesellschaft und Lodan fühlt sich eingeladen, seiner kleinen Fee, wie er sie nun nennt, alle möglichen Dinge zu erzählen – was er gelesen hat, was ihn ärgert, was ihn freut, wen er mag und wen er nicht mag. Das fühlt sich ganz natürlich an und er hat immer das Gefühl, verstanden zu werden.

Ja, er spürt, dass er eine Freundin gewonnen hat, dass dieses Wesen zu ihm gehört auf eine Weise, die ihn beglückt.

Und dann sind die Ferien zu Ende, der Herbst beginnt und Regentage werden häufiger als Sonnentage. Lodan ist zum ersten Mal wirklich traurig darüber, als hätte er einen schrecklichen Verlust erlitten.

Eines Morgens schlägt er die Augen auf und fühlt sich restlos verloren und einsam. Da fällt sein Blick auf die Fensterbank. Ein zarter Schein geht davon aus und in diesem sitzt – der Schmetterling.

Der Junge sitzt im Bett und wagt kaum, sich zu rühren – vor Überraschung und grenzenloser Freude. Leider ruft jetzt die Mutter zum Frühstück und Lodan muß sich fertigmachen. Seine zarte Freundin verabschiedet sich von ihm in gewohnter Weise und löst sich wieder auf.

Aber Lodan ist getröstet. Seine Freundin hat ihn gefunden.

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So geht es etliche Jahre. Lodan wächst heran und wird ein junger Mann. Seine „kleine Fee“ besucht ihn nach wie vor – nicht täglich, aber vor allem immer dann, wenn er jemanden braucht. Dann ist sie verlässlich da und ihm wortloser Rat und bedingungslose Zuneigung.

Eines Tages ist Lodan nicht mehr allein. Ein Mädchen sitzt bei ihm und plaudert mit ihm und lacht mit ihm und irgendwann ist klar: sie bleibt. Lodan ist glücklich, aber irgend etwas fehlt. Seine „kleine Fee“ ist nicht da! Er kann dieses Glück nicht mit ihr teilen!

„Was ist heute los mit dir?“ fragt ihn Aimea, seine Freundin. „Warum lässt du die Nase hängen?“

„Ach, es ist nichts …“ wehrt er ab. „Ich habe nur schlecht geschlafen, glaube ich.“

Ganz nimmt es Aimea ihm nicht ab, aber sie gibt sich damit zufrieden.

Dann kommt sein Hochzeitstag heran. Das Paar steht vor dem Altar und der Pfarrer vollzieht die Trauung. Und genau zum Jawort fühlt Lodan etwas, das auf seiner Schulter Platz nimmt und ihn mit Wärme durchflutet. Er jubelt sein „Ja“ förmlich und dieser Tag wird für ihn jetzt zum wahren Fest. Seine Freude überträgt sich auf alle Anwesenden und für alle wird seine Hochzeit zum schönsten Fest, das sie je erlebt haben.

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Die junge Familie wächst, es stellen sich Kinder ein und jedes frohe Ereignis wird durch die unsichtbare Anwesenheit eines wunderschönen Schmetterlings noch beglückender. Aber das Leben besteht nicht nur aus Freude und eines Tages muss die Familie das Hinscheiden von Lodans Mutter beklagen. Lodan, Aimea und die beiden Kinder stehen am Sarg der Mutter und da geschieht es: der schönste und zarteste Schmetterling, den sie je gesehen haben, sitzt auf den gefalteten Händen der Verstorbenen und verbreitet einen sanften Schein.

Alle fühlen sich zärtlich getröstet.

„Danke dir so sehr, meine liebe kleine Fee!“ denkt Lodan und es ist ihm, als käme ein Lächeln zurück.

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Das immer noch glückliche, liebende Paar wird älter. Die Kinder werden erwachsen und gründen selbst ihre Familien und Lodan und Aimea werden Großeltern. Lodan ist nach wie vor unendlich glücklich – mit seiner Frau, seiner Familie, seinem Leben, und vor allem: bei allen wichtigen Begebenheiten wird seine Schulter unsichtbar besetzt von einem Wesen, dem sein Herz seit seiner Kindheit gehört: seiner „kleinen Fee“, wie er sie so liebevoll nennt. Sie lässt ihn nie im Stich.

Nun, kein Leben währt ewig und auch Lodan schließt eines Tages seine Augen für immer. Seine Aimea sitzt an seinem Totenbett und ist verzweifelt. Nicht einmal weinen kann sie. Da plötzlich sitzt ein wunderschöner Schmetterling auf den Händen des Verstorbenen und ein zarter Schein geht von ihm aus.

Aimeas Atem setzt für einen Augenblick aus und eine unglaubliche Wärme umarmt sie und dringt in jede Faser ihres Herzens. Und da können ihre Tränen endlich fließen und sie weint all ihren Schmerz aus ihrer Seele. Und der Schmetterling fliegt um sie, bleibt kurz vor ihrem Gesicht stehen und löst sich in Luft auf.

Zurück bleibt eine Wärme, die Aimea für den Rest ihres Lebens spüren wird.