"Sehr geehrte Damen und Herren Sterne! Wir haben uns hier versammelt, um unsere jährliche Abrechnung zu machen, alle positiven und negativen Ereignisse aufzulisten und festzustellen, ob die Differenz positiv oder negativ ausfällt."
"Ach geh, rede doch nicht so geschwollen daher! Wir alle wissen, wie das Ergebnis aussieht!" Allgemeines zustimmendes Gemurmel in der Runde. Der Vorsitzende macht ein unzufriedenes Gesicht und sieht tadelnd einen Stern nach dem anderen an.
"Wir haben den Kontakt zu den Menschen verloren, in ihren hell erleuchteten Städten sehen sie uns praktisch gar nicht mehr und nicht einmal der Mond erhält mehr die gebührende Aufmerksamkeit!" meldet sich eine Stimme aus dem Auditorium.
"Ja, und sie reden nur mehr von den Meteoritenschauern aber das sind auch nur ein paar Zeitungen, die darüber schreiben. Kaum jemand schickt mehr einen Wunsch zu uns, wenn eine Sternschnuppe fällt. Also, die Bilanz ist absolut negativ und das schon seit vielen Jahren," pflichtet ihm ein anderer Stern bei.
"Was ist da zu tun?" stellt ein anderer Stern die Frage, die jedes Jahr gestellt wird. Die meisten Sterne zucken mit den Schultern, auch wie jedes Jahr.
"Was ist, wenn wir wieder in ihre Träume gehen? Dann wissen wir erstens, wovon die Menschen träumen und zweitens: sie denken wieder an uns - meint ihr nicht auch?" fragt ein klitzekleiner Stern, der zum ersten Mal dabei ist.
"Achwas," grummelt ein uralter Stern, der schon etwas schwach leuchtet, "viel zuviel Aufwand für nichts. Glaubt ihr denn wirklich, daß die Menschen noch richtige Träume haben?"
"Aber - wenn wir garnichts tun, dann wird es immer schlimmer. Nicht einmal die Kinder wissen noch, daß man sich beim Anblick einer Sternschnuppe etwas wünschen darf. Also ist der Vorschlag von Mini gar nicht so dumm, finde ich!" antwortet ein anderer, hell leuchtender Stern, der noch gerne aktiv ist.
"Na, dann sollten wir uns darüber klarwerden, was zu tun ist und vor allem: wer es macht." Der Vorsitzende sieht in die Runde. "Wenn wir einmal wissen, wie wir es angehen, dann muß ein Einsatzkommando zusammengestellt werden. Und wehe, es drückt sich einer!"
Jetzt wird es interessant. Da verlieren einige Sterne abrupt ihre Leuchtkraft, andere rutschen ganz tief in ihre Sitze und wieder andere richten sich interessiert auf. Aber die sind eine Minderheit. Der Vorsitzende bemerkt das sehr wohl und kommentiert trocken:
„Ich sehe, wir haben bereits die ersten Freiwilligen.“ Leises Gelächter in der Versammlung.
"Im Ernst: wer traut sich das zu und möchte es versuchen?" Der Blick des Vorsitzenden richtet sich auf diejenigen, die nicht in Deckung gegangen sind. "Ich habe an fünf oder sechs aktive und kluge Sterne gedacht, die sich ein paar Nächte lang in die Träume der Menschen einklinken - zwei vielleicht auf dem Land und drei in der Stadt. Und einer vielleicht auf den Schiffen, die so massenhaft auf den Meeren kreuzen."
Ein paar Hände gehen zögernd in die Höhe. Mini springt auf: "Ich möchte dabei sein! Und Mama und Papa auch!" Er sieht sich um und begegnet den ein bißchen vorwurfsvollen Blicken seiner Eltern. Denen bleibt nichts übrig, als sich auch zu melden, sonst blamieren sie sich schrecklich.
"Mini, nein, du bleibst hier." Mini will gerade protestieren, da setzt der Vorsitzende fort: "Aber du wirst hier gebraucht. Du mußt nämlich die Berichte unserer Agenten entgegennehmen und sammeln. Damit hast du eine Menge zu tun und es ist wirklich wichtig!"
Ganz glücklich ist Mini damit nicht, aber dann überlegt er, daß er dann praktisch an der Quelle sitzt und eine Menge Träume lesen kann. Das tröstet ihn sofort.
Sechs Sterne werden ausgewählt, Minis Papa ist nicht dabei, aber seine Mama, sie kann besser in Träume schlüpfen als ihr Gefährte. Dann wird festgelegt, auf welche Weise sie ihre Berichte abliefern und Mini erhält sogar eine Art Wolkenbüro. Er wird sofort 2 cm größer im Bewußtsein seiner Wichtigkeit!
In den nächsten Nächten trudeln die ersten Traumberichte ein und sie sind sehr unterschiedlich, je nachdem, woher sie stammen. Alte Leute scheinen seltener und blasser zu träumen und meist von ihrer Jugend oder ihren Kindern und Enkelkindern. Leute mittleren Alters, die berufstätig sind, träumen meist von Dingen, die sie anschaffen wollen oder von bösen Chefs und unangenehmen Kollegen. Und die jungen Menschen träumen viel von Verliebtheit und Reisen und Abenteuern. Und wie sieht es in den Weltraumzentren aus? Oh ja, da träumen sie von den Sternen, aber mehr von Planeten, die man besiedeln könnte. Lauter praktische Träume, keine romantischen.
Genauso ist es mit den Astronomen. Sie sind so sehr in ihrer Technik zuhause, daß die Sterne für sie nur mehr Material sind.
Und was träumen die Kinder? Sie träumen vom Weihnachtsmann (oder vom Christkind), an die sie im wachen Zustand nicht mehr glauben, oder vom Osterhasen, oder von einer neuen Spielkonsole oder von den Kindern in der Schule, die immer auf sie losgehen. Auch sie haben Sorgen, die sie in Träumen aufarbeiten.
Die Seeleute träumen von ihren Familien daheim und von den lästigen Passagieren - und manchmal auch davon, daheim zu sein und im Garten zu arbeiten.
Und wer träumt von den Sternen? Eine Handvoll Menschen träumen tatsächlich noch von den Sternen. Da ist ein Märchenerzähler, der den Kindern seine Traumgeschichten erzählt - und da ist ein Geschwisterpaar, das nichts lieber macht, als ich Garten auf der Wiese zu sitzen und die Sterne zu zählen. Sterne zählen? Nein, das ist nicht richtig: sie stellen sich vor, daß dicht beisammen stehende Sterne ein Kindergarten sind, denn gewöhnlich ist ein hell leuchtender Stern dabei - das ist die Kindergartentante. Und sie träumen, selbst zum Himmel zu fliegen und mit den kleinen Sternen zu spielen.
Mini liest all die Berichte und ist enttäuscht. Denkt wirklich niemand mehr an die Sterne und läßt sie Sterne sein, nicht nur Himmelskörper, die vermessen und erforscht werden müssen? Nicht einmal die Liebenden denken an die Sterne ...
Aber dann kommt der Bericht über den Märchenerzähler herein - ach, der weiß noch, was die Sterne wirklich sind! Und die Geschwister, Mini wird sehr nachdenklich. Das ist es eigentlich, wonach sie gesucht haben. Aber wie kommt man an die Kinder heran?
Mini denkt heftig nach. Wenn man mit diesen Kindern in Kontakt kommen könnte - dann wäre es vielleicht möglich, auch ihre Freunde zu erreichen. Und über die wieder deren Freunde und so weiter. Aber wie?
Kinder spielen. Man müßt ein Sternenspiel erfinden. Mini schreibt Stichworte auf: Geburtstagsparty -Sternenspiel, Schulpause - Sternenspiel, Ferien, Strand - Sternenspiel. Vielleicht sogar mit den Erwachsenen.
Mit diesem Bericht eilt Mini zum Vorsitzenden und legt auch den Anhang mit seinen Gedanken dazu bei. Und dann geht er wieder zurück in sein Büro und wartet - auf die nächsten Berichte und auf die Reaktion des Vorsitzenden.
Geduld, Mini!
Die Zeit für die Agenten ist abgelaufen und der Vorsitzende beruft die Versammlung ein. Er faßt die Ergebnisse zusammen und zuletzt kommt er auf den Märchenerzähler und die Geschwister zu sprechen.
"Mini hat dazu ein paar Ideen, und die soll er euch selbst vortragen. Überlegt euch die und dann können wir darüber abstimmen. Aber erst hat Mini das Wort!"
"Also," beginnt Mini ein bißchen verlegen, "ich habe nachgedacht, wie man an die Kinder herankommen kann. Das geht sicherlich am besten über ihre Träume und wichtig ist, daß beide das gleiche träumen, denn nur so sind die Träume bemerkenswert. Und sie sollen über Spiele träumen, Spiele, in denen wir Sterne vorkommen. Ich denke, wir müssen die Spiele nicht selbst erfinden, Kinder können das viel besser, sie haben noch Phantasie. Aber man könnte andeuten, welche Art von Spiel ... ein Spiel, das man miteinander spielen kann - und je mehr dabei mitmachen, umso lustiger wird es."
Mini macht eine Pause. Die Versammelten hören aufmerksam zu.
"Ich dachte, wir könnten ihnen die Idee geben, sich selbst einen Stern zu wählen, das ist der Glücksstern. Das Spiel - jeder kriegt eine Gruppe von Sternen und sollte sagen, was für ein Bild er darin sieht - oder vielleicht eine Geschichte dazu erzählen. Das sind Spiele, die auch Erwachsene spielen können - zusammen mit Kindern. Und sie verlangen, daß mehrere Personen miteinander spielen. Auf diese Weise werden wir wieder gesehen." Mini will sich gerade wieder setzen, da fällt ihm noch etwas ein: "Ach ja - und nicht nur das Geschwisterpaar sollte träumen, wir sollten viele Kinder besuchen!"
Jetzt setzt sich Mini wieder und vermeidet es, umherzuschauen. Er ist sehr verlegen. Es ist eine Zeitlang sehr still, aber dann beginnt jemand zu klatschen und zuletzt wird es tosender Applaus.
Dann geht es los. Jeder hat irgendeinen Vorschlag und diesmal versteckt sich nicht die halbe Versammlung. Viele wollen sich an der Traumarbeit beteiligen und ebenso viele sind bereit, sich als Sternschnuppen auf die Erde zu stürzen und Wünsche zu erfüllen.
Der Vorsitzende schaut rundum und schmunzelt - diese Aufbruchsstimmung amüsiert und erfreut ihn. So lebhaft hat er seine Sterne schon viele Jahrhunderte nicht mehr gesehen.
"Gut, Freunde, mein Vorschlag: Wer sich daran beteiligen will, soll sich bei mir melden und mir mitteilen, auf welche Weise er oder sie mitmachen will. Dann teilen wir die Region ein, in der der Betreffende arbeiten soll und .... los geht es :)
Mini - du übernimmst die Geschwister, die dich auf die schöne Idee gebracht haben. Ich bin überzeugt, dass du nicht nur erfolgreich sein wirst, sondern auch glücklich wirst. Du verdienst es."
Und so geschieht es. Jeder Stern sucht sich sein Ziel, einige als Traumbegleiter, andere als Sternschnuppen und Sammler von Wünschen. Es ist erstaunlich, wie schnell die Menschen wieder Kontakt zu den Sternen aufnahmen - denn, selbst wenn sie nicht selbst spielen, sie nehmen die Sterne wieder wahr.
Mini ist wirklich glücklich: er darf in den Einsatz gehen! Das erste Mal - er ist so stolz!
Und so glüht am Himmel ein neuer, zwar kleiner, aber unglaublich heller Stern.