ein schuster an seinem werktisch mit einem eichhörnchen

Ein Schuster saß in seiner Werkstatt, umgeben von reparaturbedürftigen und neuen Schuhen und war in seine Arbeit vertieft. Es war schon später Nachmittag und er hoffte, mit dem bestellten Paar Schuhe rechtzeitig fertig zu werden. Es kam ja nicht mehr oft vor, daß jemand ein neues Paar Schuhe anmessen ließ und so setzte er sein ganzes Können und seinen ganzen Ehrgeiz darein, ein wunderschönes und komfortables Paar Schuhe zu machen und rechtzeitig auszuliefern.

Die Tür stand weit offen, denn es war Sommer und eine Werkstätte brauchte frische Luft, mit all den Gerüchen von Leder und Klebstoff und allem Zubehör. Auf seinem Werktisch stand eine Werkzeugkiste bis zum Rand angefüllt mit allen Arten von Schusterwerkzeug und auch der Tisch war vollgeräumt mit den Dingen, die unmittelbar gebraucht wurden. Ein paar Schuhbänder lagen auch da, er hatte sie schon bereitgelegt.

Da klingelte die Türglocke und der Schuster sah auf. Hm? Er konnte niemanden sehen, kein Mensch war eingetreten. Komisch, er war aufgestanden und beugte sich über den Werktisch und fing an zu schmunzeln. Nein, kein Mensch war hereingekommen, aber ein Eichhörnchen marschierte zielbewußt auf seinen Werktisch zu. Der Schuster setzte sich wieder hin und sagte:
"Was macht denn ein Waldbewohner in meiner Werkstatt?"
Natürlich erhielt er keine verständliche Antwort, nur einen Laut, wie ihn Eichhörnchen nun mal machen. Aber der kleine Eindringling sprang flugs auf den Tisch und hockte sich vor ihn hin, um ihn eingehend zu betrachten. Anscheinend zufrieden mit seinem Eindruck, wandte es sich dem Werkstück, das der Schuster bearbeitete, zu, beschnupperte es und betastete es mit einem seiner Händchen.
"Was soll das werden?" fragte der Schuster und sah seinen Gast nachdenklich an. Das war ja ein total ungewöhnliches Eichhörnchen! Es schien sich ganz und gar zuhause zu fühlen und sah sich neugierig um. Da entdeckte es die Schuhbänder und - schwupp! - hatte es sich eines angeeignet und begann damit zu spielen. Der Schuster sah schmunzelnd zu, aber bald wandte er sich wieder seiner Arbeit zu. Das Eichhörnchen aber lief zum Werkzeugkasten und begann, darin zu graben.

"Hey", sagte der Schuster, "mach nichts kaputt, du kleines Neugierhörnchen!" Das Eichhörnchen warf ihm einen Blick zu, der ihm deutlich machte, daß er sich nicht so anstellen solle. Es betrachtete jedes einzelne Werkzeug intensiv, beschnupperte es, betastete es und legte es wieder zurück. 

Der Schuster stand auf, ging in den anschließenden Raum, kramte ein bißchen und kam mit einem Schüsselchen Nüsse zurück. Das stellte er auf den Tisch und setzte dann seine Arbeit fort. Der kleine Eindringling schaute sehr erfreut drein und sagte etwas in der Eichhörnchensprache, es mußte etwas Nettes sein, denn es klang freundlich, und holte sich gleich eine Nuß. 

So verbrachten die beide einträchtig einige Zeit, und das Eichhörnchen trag keinerlei Anstalten, wieder zu gehen. Als es Zeit war, schloß der Schuster - ein bißchen zögernd - die Tür und sperrte ab. Das Eichhörnchen störe sich nicht daran und sah sich um, dann hopste es auf einen Schrank, auf dem einige - nicht sehr saubere - Tücher lagen und rollte sich dort zusammen. Da erkannte der Schuster, daß sein Gast offenbar die Absicht hatte, bei ihm zu bleiben und bereitete ihm aus sauberen Tüchern in einem Körbchen ein kuschliges Nest. Das Eichhörnchen nahm die Einladung sofort an und machte es sich bequem. Das Schuhband hatte es mitgenommen und kuschelte sich damit zusammen.

"Na, wenn du bleiben willst, dann kriegst du auch einen Namen, Kleines - ich werde dich Iwariiri - Neugier - nennen. Magst du den Namen?" 
Sein neues Familienmitglied gab einen freundlichen kleinen Laut von sich und schlief ein. Sein Gastgeber öffnete noch das Fenster, damit Iwariiri sich nicht eingesperrt fühlen mußte, dann stellte er ein Schälchen mit Wasser neben die Nüsse und zog sich in seine bescheidene Wohnung auf der Rückseite der Werkstätte zurück.

Am nächsten Morgen kam er in seine Werkstätte und staunte: der Werktisch war säuberlich aufgeräumt, die Schuhe, an denen er arbeitete, standen bereit und all die nötigen Werkzeuge waren fein säuberlich aufgereiht und bereit. Waren die Heinzelmännchen dagewesen?

Nein, das Eichhörnchen saß auf dem Tisch und sah ihn stolz an, so in der Art: Na, was sagst du jetzt? Der Schuster traute seinen Augen nicht.

"Ha-hast du das gemacht?" stotterte er. Das Eichhörnchen nickte. Da wurden ihm die Knie weich und er mußte sich ganz schnell setzen. Iwariiri aber setzte sich vor ihn hin und schnatterte ihn an und irgendwie kam ihm der Gedanke:
Das ist kein normales Eichhörnchen, das muß ein kleiner Dämon sein - aber ein guter, freundlicher. Seine Hände zitterten vor Aufregung, als er sich an die Arbeit machte, aber Iwariiri spielte auf dem Tisch mit den Schuhbändern und benahm sich ganz wie ein Eichhörnchen.

So verging der Morgen und gegen Mittag betrat ein Kunde die Werkstätte. Er wollte ein Paar Schuhe, das er zur Reparatur gebracht hatte, abholen. Der Schuster machte ihm die Rechnung und inzwischen sprang das Eichhörnchen zum Regal, kletterte in das Fach mit den Schuhen des Kunden und schleppte einen Schuh nach dem anderen auf den Tisch. Und es waren genau die richtigen Schuhe! Dem Kunden verschlug es die Sprache, der Schuster rang um Fassung und der Kunde sagte:
"Also, das ist ja großartig, wie sie das Eichhörnchen dressiert haben! Ich habe sowas noch nie gesehen!" Und er ließ ein paar Münzen auf den Tisch fallen: "Für dich, Eichhörnchen," lächelte er und ging.

Am Nachmittag kam der Kunde, für den der Schuster die neuen Schuhe gemacht hatte, um sie zu probieren - sie paßten perfekt und fühlten sich wunderbar an. Der Kunde war begeistert und auch er hinterließ ein paar Münzen für das Eichhörnchen.

Der Schuster aber tat die Münzen in einen Becher und stellte ihn zu Iwariiris Körbchen.
"Das ist dein Verdienst, Kleines!" sagte er lächelnd und Iwariiri schnatterte zufrieden.

Dieser Nachmittag war sehr betriebsam, es kamen erstaunlich viele Kunden mit kleinen und größeren Wünschen, auch neue Paare mußten angemessen werden und bald mußte der Schuster die Leute vertrösten auf längere Lieferzeiten, denn er hatte ja keine Angestellten, er machte alles allein. 

Naja, dachte er, das ist nur heute so - aber da täuschte er sich. So ging es die nächsten Tage und Wochen weiter und er mußte zwei Schustergesellen einstellen, um mit der Arbeit nachzukommen. Das Eichhörnchen aber blieb bei ihm, schleppte Schuhe an, räumte den Werktisch auf und war ihm eine liebe Gesellschaft.

Der Schuster war unendlich glücklich. Iwariiri hatte ihm Glück gebracht und es blieb ihm treu bis an sein Lebensende.