In einem Garten stand einmal ein Apfelbaum, das ist nichts Ungewöhnliches, meinst du? Nun, der Baum war ein ganz gewöhnlicher Apfelbaum und seine, schon herbstlichen Blätter waren auch nicht ungewöhnlich. Bis auf ein einziges Blatt. Dieses Blatt war ungewöhnlich neugierig und litt an großem Fernweh. Vom Frühling bis um Herbst lauschte es den Erzählungen des Windes, der im Laub raschelte, träumte von der großen Welt und wünschte sich nichts mehr, als so eine Reise machen zu können.

So kam der Herbst heran, aus dem Säuseln des Windes wurde Brausen und er kam mit großer Macht. Der Baum wurde ordentlich durchgeschüttelt und die meisten seiner Blätter lösten sich und flogen mit dem Wind, so auch unser Blatt. 

Juhu, sein Tag war gekommen! Es jubelte, als es mit dem Wind tanzte und wünschte sich nur, dieser Tanz möge niemals aufhören! Aber der Wind ist ein unzuverlässiger Geselle. Erst trug er das Blatt über all die Gärten und Dörfer in der Umgebung und unser Blatt saugte alle diese Bilder förmlich in sich ein. Aber bald wurde es dem Wind langweilig, er schlief ein und so trudelte das Blatt langsam zu Boden.

Aber es landete nicht am Boden, sondern in einem schnellfließenden Bach und das Wasser trug es schnell davon. Da drehte sich das Blatt und wirbelte über Steine und flitzte unter dem Schnabel einer Wasseramsel durch, so schnell, daß ihm Hören und Sehen verging und es schwindlig wurde. Ohweh, so hatte es sich seine Reise nicht vorgestellt! Aber irgendwann mündete dieser wilde Bach in ein weit größeres Gewässer und dessen Strömung trug das Blatt weitaus ruhiger mit sich. Und da traf es auch auf allerhand Geschöpfe, Frösche, Fische und sogar ein paar Krebse tummelten sich darin und allerlei Insekten schwirrten über dem Wasserspiegel. Das war eine rechte Wunderwelt und das Blatt staunte sehr. 

"Was machst du denn da?" fragte ein großer Fisch, und das Blatt antwortete fröhlich: "Ich reise in die weite Welt!" Und es fügte hinzu: "Was ist das für ein Wasser?"

"Hihi, wie dumm du bist!" kicherten ein paar kleine Fische. Das Blatt war viel zu aufgeregt, um beleidigt zu sein. 

"Still, ihr Dummköpfe, das ist doch kein Fisch, sondern ein Blatt!" wies der große Fisch die kleinen Spötter zurecht und erklärte dann: "Du bist in einem Fluß, der wird nach einer langen Reise in einen sehr großen Fluß münden und der große Strom trägt dich dann bis an das Meer."

Das Blatt staunte und bald hatte es diese Fischgesellschaft hinter sich gelassen. Die Strömung trug es an Dörfern vorbei, durch Wälder, in denen alle möglichen Tiere zum Trinken ans Ufer kamen und sogar durch kleinere Städte. Was gab es da nicht alles zu sehen! Gerne wäre das Blatt manchmal länger geblieben, aber das Wasser trug es unerbittlich weiter.

Irgenwann wurde die Strömung schwächer, der Fluß floß ruhiger und das Blatt wurde an eine ruhige Uferstelle geschwemmt, wo es langsam kreiselte und schließlich im seichten Wasser liegenblieb. 

"Ach," dachte das Blatt, "wie schade, daß meine Reise hier schon zu Ende ist!"

Ein Hund plantschte im seichten Uferwasser und da blieb das Blatt in seinem Fell hängen und er trug es mit sich hinaus. Er schüttelte sich und das Blatt flog aus seinem Fell  - und da war ja der Wind wieder! Er ergriff das Blatt und trug es hoch hinauf, über die Bäume, die Straßen, die Häuser und weiter und weiter  - wie froh unser Blatt da war! Der Wind trug es mit sich, er wurde zum Sturm und für unser Blatt wurde es ein wilder Ritt! Es war ja so leicht geworden in seinem gelben Herbstkleid, da hatte der Wind leichtes Spiel. Weit, weit trug er das kleine Blatt, bis es unter sich  - oh, was war denn das? Eine riesige Wasserfläche kam immer näher - und da waren eine Menge großer Vögel, die einander ununterbrochen zuriefen, das Blatt hatte solche Vögel noch nie gesehen.

Einer dieser Vögel erspähte das Blatt und es sah so appetitlich aus und - schnapp! - hatte er es im Schnabel und flog damit über die große Wasserfläche, weiter und weiter, bis wieder Land in Sicht war. Allerdings wurde er von seinen Artgenossen verfolgt, die ihm die Beute nicht gönnten, und einer rief ihm zu: 

"Was hast du dir denn da geschnappt? Ich will das, gib es her!"

Da wollte der Vogel antworten und öffnete den Schnabel - und verlor das Blatt und es sank langsam zu Boden, während die Vögel miteinander stritten. Es war kalt hier, so kalt, und das Land war kahl, es standen keine Bäume hier, nur ein kleines, bescheidenes Dorf kuschelte sich in eine Mulde zwischen felsigen Hügeln. Den Boden bedeckte eine Schneeschicht und in diesem Schnee spielten ein paar Kinder.

Einer der Jungen bemerkte das Blatt und hob es auf. Er wunderte sich, denn das hatte er noch nie gesehen, aber dann lenkten ihn die anderen Kinder ab und er steckte es in seine Jackentasche, wo er es schnell vergaß.

Da fand sich unser Blatt nun in einer warmen, finsteren Jackentasche wieder und es machte ihm nichts aus. Es war müde geworden von der langen Reise, von all den Wundern, die es gesehen hatte, und so fiel es in seinen letzten Schlaf, zufrieden und glücklich.

"Was dieser Junge alles in seinen Taschen hat!" brummte seine Mutter, als sie abends seine Jacke ausschüttelte und das vertrocknete Blatt aus der Tasche fiel.

Und damit endete eine wunderbare, große Reise.