Somnia legt ihren vor zwei Tagen geborenen Sohn sanft in die Wiege und deckt ihn liebevoll zu. Ihre Augen stehen voller Tränen, denn der Arzt hat ihr gesagt, daß ihr Kind mit einem Fehler geboren wurde: es ist blind. Das muß sie erst verarbeiten.
Tröstend hat der Arzt gemeint, daß blindgeborene Kinder ihre übrigen Sinne viel stärker entwickeln als gewöhnlich und daß sie das Fehlen der Sehkraft nicht als Einschränkung betrachten. Die junge Mutter hofft, daß sich diese Voraussage als wahr erweist - abgesehen davon schwört sie sich, ihr Kind besonders zu fördern und zu lieben. Sie ist eine feinfühlige Frau und sieht in ihrem Kind vom ersten Augenblick an etwas Besonderes.
Was sie nicht weiß und nicht wissen kann: in der Nacht seiner Geburt stand die Muttersonne hoch am Himmel, in ihrem Leib ein Lichtgeborenes und lauter Lichtkinder rutschten ihre Strahlen hinab zur Erde. Als sie diese Kinder abgesetzt hatte, verschwand sie wieder. Die Sonnenkinder aber zerstreuten sich und wanderten zu ihrem jeweiligen Bestimmungsort. Niemand hat das bemerkt - nicht einmal die Astronomen.
Ein Jahr ist vergangen und der blinde Griannac spielt im Wohnzimmer und seine Mutter modelliert eine kleine Figur aus Ton an ihrem Arbeitstisch und singt leise vor sich hin. Plötzlich schaut das Kind auf und hält ein im Spiel. Ein Sonnenkind ist erschienen und setzt sich neben Griannac. Die Mutter kann es nicht sehen, fühlt aber, daß irgendetwas anders ist. Sie beobachtet ihren Sohn.
Griannac wendet sich dem Sonnenkind zu und dieses berührt seine Stirn mit einem Finger. Da passiert es: das Sonnenkind löst sich auf und verschwindet in der Stirn des Jungen. Der sitzt eine gute Weile ganz still, dann krabelt er zu seiner Mutter und richtet sich an ihrem Knie auf.
"Mama", sagt er dann. Seine Mutter ist erschüttert - er sagt sein erstes Wort und steht zum ersten Mal - beides gleichzeitig! Irgendetwas ist anders an ihrem Sohn, sie kann es nicht benennen, aber sie fühlt es. Und so nimmt sie ihr Kind in die Arme und wiegt es sacht und das Kind schmiegt sich innig an sie.
So verharren Mutter und Sohn eine lange Weile.
Von nun an entwickelt sich das Kind schnell. Binnen weniger Tage läuft es flüssig und spricht die ersten Sätze und mit zwei Jahren beginnt er zu fragen. Somnia ist fasziniert und widmet sich dem Jungen intensiv. Sie spricht mit ihm wie mit einem Erwachsenen, antwortet auf alle Fragen und liest ihm vor und singt ihm Lieder. Sie erzählt ihm von seiner Umgebung, von der Stadt, und fährt mit ihm auch auf das Land, in die Natur. Sie zeigt ihm Pflanzen und Tiere und erklärt ihm, daß alles Leben aus denselben Urformen entstanden ist.
Griannac hat ein besonderes Verhältnis zu Tieren, sie laufen ihm zu. Nicht einmal die Tiere des Waldes zeigen natürliche Scheu, er darf sie sogar berühren. Aber auch die Menschen lieben ihn. Jeder Mann, jede Frau spricht mit ihm, sogar die Kinder gehen liebevoll mit ihm um.
Von Tag zu Tag weiß seine Mutter besser, daß er ein besonderes Kind ist und sie sorgt dafür, daß er die Welt, die er nicht sehen kann, immer besser erfährt. Und es scheint ihr, daß er auf eine andere Art sehen kann, nicht mit den Augen, aber - anders. Sie kann es nicht erklären. Von Anfang an stieß er nirgendwo an, stolperte nie über irgendetwas und schien Hindernisse zu fühlen, sogar in Räumen, die er nicht kannte.
Griannac wird mit fünf Jahren eingeschult - in eine normale Schule. Er erhält spezielle Hefte, deren Linien er spüren kann und lernt auf diese Art korrekt zu schreiben - mit der linken Hand. Nachmittags besucht er eine Blindenschule, wo man ihm die Brailleschrift beibringt, und er lernt mit dem Computer umzugehen.
In der Schule passiert es zum ersten Mal: ein Mitschüler streifte ihn und etwas erscheint ihm falsch. Und so fragt er den Mitschüler: "Bist du krank?"
Erstaunt antwortet der Klassenkamerad: "Ich habe eine Erkältung, woher weißt du das?"
"Ich weiß nicht ..", antwortete Griannac. Zuhause erzählt er seiner Mutter davon und sie meint: "Na, du hast es wohl an seiner Stimme gemerkt?"
Griannac weiß genau, daß es nicht die Stimme war. Es war ein Gefühl. Dinge wie dieses wiederholen sich. Mit der Zeit ist es nicht nur ein Gefühl, er sieht die Krankheit als kleines graues Wesen auf der Schulter der Leute sitzen. Er spricht mit seiner Mutter darüber und sie empfiehlt ihm, mit niemand anders darüber zu reden. Menschen fürchten, was anders ist als sie, und aus Furcht wird sehr schnell Abneigung und sogar Haß, das weiß Somnia. Davor will sie Griannac schützen.
Griannac wächst und geht in das Gymnasium. Er lernt gut und schnell und legt auch die Matura mit sehr guten Resultaten ab. Etwas weiß er ganz sicher: er will Arzt werden. Seine Mutter erkundigt sich, ob das für einen Blinden möglich ist und erhält rundum negative Auskunft. Ein Arzt, der seinen Patienten nicht sehen kann - wie will er entscheiden, woran der Patient leidet? Wie will er Wunden behandeln, die er nicht sehen kann? Aber sie will nicht aufgeben.
Im Nachbarhaus wohnt ein Allgemein-Mediziner, der sich der Ganzheitsmedizin verschrieben hat und neben seiner Praxis auch an der Universität lehrt. Er hat einen guten Ruf, als Arzt und als Menschenfreund. Zu ihm bringt sie Griannac. Der Arzt empfängt sie freundlich, aber als er hört, was sich Griannac wünscht, wird er ernst. Und da sagt die Mutter ihrem Sohn:
"Erzähle dem Doktor, was du siehst."
Und Griannac erzählt. Der Arzt hört nachdenklich zu. Er zweifelt und trotzdem: das Kind klingt so sicher und kein bißchen verträumt. Er überlegt - wie kann er das überprüfen? Dann wendet er sich an Somnia:
"Ich muß das prüfen, das wissen Sie, nicht wahr?" - Die Mutter nickt.
"Wir machen folgendes: Sie bringen mir das Kind morgen früh in meine Sprechstunde und er wird im Behandlungszimmer in einer Ecke sitzen, ganz still, und nur antworten, wenn ich ihn frage. Ein Vorhang wird ihn verbergen, als wäre er ein Patient, der eine Infusion erhält. Aber er wird mir mitteilen, was er sieht, wenn ich ihn frage. Geht das in Ordnung, Griannac?" wendet er sich an den Jungen. Der nickt, wie vorhin seine Mutter.
So geschieht es auch. Der Junge sieht die Krankheit, er weiß, wo sie sitzt und zeigt das dem Arzt am eigenen Körper - und jedes Mal stimmen seine Angaben. Der Arzt ist zutiefst beeindruckt und verspricht seiner Mutter, ihm zum Studium zu verhelfen. Er hält auch sein Wort und verschafft Griannac einen Studienplatz und sein Schützling ist so erfolgreich, daß alle Vorurteile verschwinden.
Natürlich gibt es Probleme - Laborarbeit macht Schwierigkeiten und das Praktikum im Krankenhaus wird zur Engstelle. Aber es findet sich immer ein Kollege des Mentors, der dem - inzwischen - jungen Mann eine Chance gibt und so schließt Griannac auch das Studium erfolgreich ab und bereitet sich auf das Doktorat vor. Der freundliche Arzt nimmt ihn als jungen Kollegen in seine Praxis auf und wird dafür auch schnell belohnt: seine Heilerfolge sprechen sich rasch herum und alle Patienten lieben den jungen Doktor.
So belohnt sich seine gute Tat selbst.
Was sollen wir noch mehr erzählen? Griannac lernt eine junge Frau kennen, der seine Blindheit keine Probleme bereitet. Im Gegenteil, sie kann damit sehr gut umgehen, vor allem, weil sie ihn immer besser kennen- und auch liebenlernt. Und so hat der blinde Arzt auch eine Gefährtin gefunden, die ihn in jeder Hinsicht unterstützt und die beiden werden sehr glücklich.
Den Höhepunkt erreicht ihr Glück, als ihnen ein gesundes Mädchen geboren wird, ein wunderschönes kleines Mädchen mit unglaublich strahlenden Augen. Sie ist so hübsch wie ihre Mutter und so einfühlsam und anziehend wie ihr Vater. Die Eltern nennen sie Grianneen und in ihr wirkt der Segen des Sonnenkindes, wie auch in ihrem Vater.
Das ist das Glück, das Sonnenkinder bringen. Und wenn du einmal in der Nacht hellen Sonnenschein siehst und Kinderlachen hörst, dann weißt du: es wurden abermals Sonnenkinder in die Welt entlassen.