Es war einmal ein Apfel, der war das Geburtshaus einer netten kleinen Raupe. Diese hauste hier ganz behaglich und futterte sich gemächlich durch das Innenleben des Apfels.
Das gefiel dem Apfel überhaupt nicht. Er beschloß, daß er nun schleunigst reif werden wollte. Und kaum war er rot und rund genug, ließ er sich einfach vom
Baum fallen. Da lag er nun im Gras und war allen Freßfeinden ausgeliefert. Die nächste Schnecke, die vorbeikam, naschte hingebungsvoll und so fraß sie ein ganz schönes Loch in den Apfel. Und die Ameisen machten sich über den leise faulenden Rand der Bißstelle her. Ach weh!
So wurde das Loch im Apfel immer größer und unsere kleine Apfelwickler-Raupe fühlte sich nicht mehr so wohl. Kalte Luft kam in ihre Behausung und ihr wurde kalt. Außerdem - he! - da hackte jemand auf dem Apfel herum und der drehte sich nach links und nach rechts, daß der armen Raupe Hören und Sehen verging.
Da packten sie Ärger und Neugier und sie kroch immer weiter in die Helligkeit des Tages. Und als sie an den Rand gekommen war, erwartete sie der nächste Schreck: da saß eine Amsel vor ihr und betrachtete sie mit gierigem Blick!
"Was nun?", fragte sich das arme kleine Ding und duckte sich wieder in den Apfel. Da ringelte sie sich nun zusammen und zitterte vor Angst.
Die Amsel wurde ein bißchen ungeduldig und hackte wieder. Das schüttelte den Apfel ordentlich durch und der Raupe wurde ganz schwummerig.
"Ich muß da raus!", dachte sie panisch, "aber da draußen hockt der gierige Vogel, wie entkomme ich dem bloß?"
Ha, da mußte dem armen Raupenkind doch auch einmal das Glück hold sein! Die Amsel hackte und hackte, und plötzlich landete der Apfel doch tatsächlich auf dem Fraßloch und die kleine Raupe fiel auf den Boden. Ein bißchen benommen lag sie da, aber nur ganz kurz: dann rappelte sie sich auf und kroch so schnell sie konnte unter die Laubblätter im Gras.
Da saß sie nun und mußte verschnaufen. Die Amsel aber hatte keine Ahnung, was ihr da entgangen war.
Aber jetzt war guter Rat teuer: wo war der nächste - und natürlich nahrhafte! - Unterschlupf? Außerdem waren unserer kleinen Raupe all diese komischen Wesen rundum nicht geheuer. Es war ja nicht nur die Amsel, da krochen große Käfer mit und ohne Horn durch das Gras, eine Maus schnüffelte durch die Gegend und all die Ameisen mit ihrem eiligen Gewusel machten sie nervös.
Sie schlüpfte eilig durch gefallenes Laub des Apfelbaumes und schrak bei jeder Bewegung zusammen. Aber wohin? Ihr lebensnotwendiger Apfel war eine Falle und wo sollte sie einen anderen finden? Vor allem, einen, der schon angebissen war, denn durch die harte Schale konnte sie sich nicht durchbeißen.
Die kleine Raupe richtete sich halb auf und schnupperte. Roch es da nach Apfel? Ach, nicht den verfaulten da in der Nähe, der brachte ihr nichts. Sie brauchte einen gesunden, nur leicht angefressenen Apfel. Naja, weitersuchen.
Stopp! Da kam irgendein Ungetüm angeschnauft - Raupe, verstecke dich! Unsere Raupe verkroch sich unter leicht verrotteten, stark riechenden Apfelblättern - gerade zur rechten Zeit! Da kam doch tatsächlich ein Igel mit lautem Schnaufen anmarschiert ... uff! Der war vorbeigezogen, die Raupe atmete tief ein und machte sich wieder auf den Weg.
Hm, der Duft ... der Duft ... eindeutig: Apfel! Hoffnungsvoll kroch die kleine Raupe ein bißchen schneller, sie war hungrig, sie fror, sie war verängstigt - und trotzdem: Hoffnung. Und wirklich: mitten im Laub lag ein rotgelber Apfel - nicht mehr ganz frisch, aber offenbar gesund.
Unser Rauplein kroch rund um den Apfel, krabbelte mit Mühe auf ihn ... unversehrt.
Das durfte doch nicht sein, der Apfel war doch abgefallen! Aufgeben? - NEIN! Also kroch unsere Raupe wieder vom Apfel herunter und schob sich unter den Apfel. Das ging - mit Mühe zwar, aber es funktionierte, denn das Laub war weich und nachgiebig.
JA! Da war die angeschlagene Stelle! Ein winziger Spalt tat sich da auf und unsere kleine Abenteurerin atmete auf. Sie begann zu nagen und schlürfte den austretenden Saft. Hach, war das gut! Mit immer größerem Eifer nagte und nagte sie und schon hatte sie eine hübsche Öffnung geschaffen.
Endlich! Sie war auf dem Weg in ein neues Zuhause! Da gab das Apfelfleisch ganz unerwartet nach und eine kleine Öffnung tat sich auf.
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Sie steckte den Kopf hindurch und begegnete einem sehr ähnlichen Kopf von Angesicht zu Angesicht. Beide Köpfe zuckten zurück. Ach, da wohnte schon jemand .... Unsere kleine Freundin ließ den Kopf hängen. Alles vergeblich!
Die Einwohnerin wich zurück und unsere kleine Raupe wollte schon das gleiche tun. Da kam der Kopf der Bewohnerin wieder näher und schob ein winziges Stückchen Apfel in die Richtung des Eindringlings. Eine Einladung? Das wäre zu schön!
Unser kleiner Flüchtling zögerte und blickte in die freundlichen Augen der Hauseigentümerin. Dann nahm sie das Angebot an - vorsichtig, immer mit Blickkontakt. Als sie das Stückchen vertilgt hatte, drehte sich die Hausraupe um und kroch wieder tiefer in den Apfel. Vorsichtig folgte unsere Raupe ihr.
Die einheimische Raupe fing wieder an zu nagen, aber sie hatte Platz neben sich gemacht und langsam schob sich die Besucherin an ihre Seite.
Und nun .... nagen sie noch immer miteinander, wenn sie nicht inzwischen schon zu Schmetterlingen geworden sind!