Fridolin war ein junger Hund, er wurde in einem Schuppen auf einem Bauernhof geboren und war das Produkt eines Seitensprungs seiner Mutter mit einem Straßenhund unbekannter Rasse. Als der Bauer das Mißgeschick entdeckte, steckte er alle Welpen in einen Sack und ertränkte sie in seinem Teich. Zum Glück hatte Fridolins Mutter beschlossen, mit ihren Kindern umzuziehen und Fridolin war der erste Welpe, den sie ins neue Heim trug - ein Schafstall etwas 20 Gehminuten entfernt vom Bauernhof. Als sie zurückkam fand sie ihre Kinder nicht mehr vor, nur der Bauer wartete auf sie mit einem festen Stock. Sie sah das Unheil kommen und rannte rechtzeitig davon, so schnell sie konnte. Der herzlose Bauer wurde ganz schnell vom Schicksal bestraft: als er der Hündin hinterherrannte, stolperte er über eine Baumwurzel und fiel so ungeschickt, daß er sich einen Arm und ein Bein brach.
Geschieht ihm recht! sagst du jetzt, nicht wahr?
Aber auch Fridolins Mutter trug zum Mißgeschick des Bauern bei, denn sie hatte jetzt ja kein Zuhause mehr, also mußte sie sich selbst versorgen. Und da nahm sie sich ein Beispiel an der Fuchsmutter, die im nahen Wald lebte und holte sich nachts das eine oder andere Huhn des Bauern, um am Leben zu bleiben. Der Bauer verfluchte die - unschuldige - Füchsin laut und wütend, er hatte ja keine Ahnung, wer die wahre Schuldige war.
So wuchs Fridolin ohne richtiges Zuhause heran - und eigentlich vermißte er es auch nicht. Aber er lernte auch, Menschen zu vermeiden und eine weiten Bogen um jede menschliche Ansiedlung zu machen. Aber eines Tages geschah es: eine Urlauberfamilie war auf einem der nahegelegenen Bauernhöfe eingezogen und die Kinder dieser Familie erkundeten die ganze weitere Umgebung. So begegneten sie eines Tages auch Fridolin, während seine Mutter auf der Futtersuche war. Die Kinder waren begeistert von dem süßen kleinen Kerl und wunderten sich nur, daß er so ängstlich war. Während des ganzen Urlaubs kamen sie immer wieder und langsam freundete sich Fridolin mit ihnen an.
Fridolin war schrecklich hungrig. Seine Mutter war seit zwei Tagen nicht zurückgekommen und so hatte er auch kein Futter. Als die Kinder wiederkamen, lockten sie ihn mit ein paar Leckerbissen an und schließlich nahm ihn der älteste Junge auf den Arm und trug ihn mit sich. Die Eltern waren absolut nicht begeistert, als sie ihren Nachwuchs mit der kleinen Promenadenmischung antanzen sahen, aber die Kinder bettelten so sehr, daß sie ihnen erlaubten, den Hund mitzunehmen. So kam Fridolin in die Stadt.
Das war ein ganz anderes Leben, als Fridolin es kannte! Erst wurde er gebadet - in Seifenwasser, igitt! Dann trockengefönt - noch schlimmer, diese heiße Luft im Fell! Aber dann bekam er ein Körbchen mit einer schönen Decke, in dem er schlafen durfte und wurde mit etwas gefüttert, das ihm total fremd war. Aber es ging an und so rollte er sich zufrieden in seinem Körbchen zusammen. Er bekam ein Halsband, das fürchterlich juckte. Die Kinder gingen täglich mit ihm in den Park und auch das war neu: er mußte lernen, an der Leine zu gehen und außerdem erschreckte ihn der Straßenverkehr fürchterlich. Und nicht nur der Straßenverkehr - all die vielen Beine und Gerüche und der Gestank der Autos ... es war eine schrecklich fremde Welt. Und er mußte zum Tierarzt, wo er untersucht, geimpft und gechipt wurde und erhielt einen Namen - Micky.
Nach einer Weile hatten die Kinder nicht mehr viel Zeit für ihn, sie mußten wieder in die Schule. Auch die Eltern waren meist außer Haus und, bis auf die relativ kurzen Ausläufe morgens und abends, blieb Fridolin sich selbst überlassen. Er wurde immer trauriger und seine ganze Lebenslust verließ ihn. Dann kam der Tag, den er als schrecklichen Verrat empfand: nach eingehender Beratung der Eltern am Vorabend, packte der Vater frühmorgens Fridolins Körbchen, Decke und seine Futterschüssel zusammen und packte alles samt Fridolin ins Auto. Dann fuhr er eine lange Strecke, bis er auf einem Autobahn-Rastplatz haltmachte. Da ließ er Fridoln aus dem Auto, ging mit ihm ein kleines Stück tiefer in die Grünanlage und band ihn an einen Laternenpfahl. Er stellte das Körbchen und Zubehör neben den Hund, ging zurück, stieg ins Auto und fuhr weg.
Für Fridolin brach eine Welt zusammen. Da lag er nun, angebunden, ohne Futter und Wasser und ohne eine freundliche Streichelhand. Der Tag verging, auch die Nacht, und am nächsten Morgen war Fridolin so durstig, daß er erst bellte und dann nur mehr wimmerte.
Irgendwann, als er schon in schwarze Verzweiflung gesunken war, hielt ein Auto und ein Mann und eine Frau stiegen aus. Sie folgten dem Wimmern und entdeckten den armen kleinen Hund.
"Das ist eine Schande!" rief die Frau und hockte sich zum Hund, um ihn zu streicheln. Fridolin konnte sich kaum rühren vor Durst - der Mann nahm seine Futterschüssel und ging auf die Suche nach Wasser. Gierig trank Fridolin solange er nur konnte und dann leckte er dem Mann dankbar die Hand.
"Wir nehmen ihn mit!" entschied die Frau.
"Aber wir können ihn nicht versorgen, wir sind ja kaum daheim!" antwortete der Mann.
"Natürlich nicht, aber wir bringen ihn ins Tierheim, dort wird er wenigstens versorgt. Ich verstehe nicht, was die Leute einem hilflosen Tier antun können!" empörte sich die Frau. Und so wurde Fridolin wieder in ein Auto verladen, mitsamt seinem "Hausrat" und die beiden Leute fuhren los. Der nächste Halt war eine recht große Anlage mit Wiese und mehreren Gebäuden, und dort wurden sie von freundlichen Leuten in Empfang genommen. Nachdem das Paar erklärt hatte, wie sie den Hund vorgefunden hatten, wurde er aufgenommen und in einen geräumigen Verschlag mit einer stabilen Gittertüre gesperrt. Da stellte man ihm auch wieder sein Körbchen hinein und seine Futterschüssel wurde angefüllt und ein Wasserschüsselchen wurde dazugestellt.
Und wieder bekam er einen Namen, der wurde auf ein Schildchen an der Türe seines Verschlages geschrieben und diesmal war es - tatsächlich! - Fridolin. So verging nun ein Tag nach dem anderen, die anderen Hunde in den Nachbarverschlägen redeten ein bißchen mit ihm und erzählten ihm, wo er gelandet war, und wie lange sie schon darauf warteten, daß jemand sie liebgewann und mit sich nehmen wollte. Und es kam niemand - ganz selten einmal wurde ein Hund mitgenommen.
Fridolin wurde immer trauriger und er mochte gar nicht mehr essen, nur Wasser brauchte er. Eines Tages passierte etwas, das ihm eine ganz neue Möglichkeit eröffnete! Wie jeden Tag wurde sein Verschlag gereinigt und in dieser Zeit durfte er mit anderen Hunden in einem umzäunten Gelände laufen. Was aber niemand bemerkt hatte: das Tor wurde wie immer geschlossen, aber diesmal rastete das Schloß nicht ein. Fridolin entdeckte, daß die Tür nur angelehnt war und die Zeit mit seiner Mutter kam ihm in den Sinn. Er sah sich um - es war gerade niemand in der Nähe und so schlüpfte er hinaus und schon war er in den nahegelegenen Wald gelaufen. Und er erinnerte sich ....
Dieser Wald roch zwar anders als der, in dem er aufgewachsen war, aber er roch gut. Und es gab eine Menge Tiere hier, vielleicht konnte er ja einen Freund finden? Im Augenblick war er zwar hoffnungsvoll, aber doch sehr ängstlich und als sich in der Nähe etwas Größeres regte, verkroch er sich blitzschnell in einem Laubhaufen, nur sein Gesicht schaute noch heraus. Eine Elster saß auf einem Ast über ihm, betrachtete ihn und lachte ganz unverhohlen.

"Na, du siehst aber nicht sehr mutig aus!" keckerte sie.
"Ich fühle mich auch nicht mutig, ich bin hier ganz neu und gerade erst aus dem Tierheim ausgerissen. Und jetzt habe ich Angst, daß mich hier niemand mag und jemand mir Böses tut."
"Na, es wird sich schon nicht jeder freuen, aber ganz sicher tut dir niemand was. Paß auf, ich hole mal meine Freunde her!" Und die Elster fing an laut zu schreien. Erst kamen noch andere Elstern, dann ein Rabe und erst nachher tauchten ein paar andere Tiere auf. Dabei war eine Füchsin, deren Kinder schon erwachsen waren und sie betrachtete den kleinen Hund mit Interesse.
Natürlich mußte er von sich erzählen und die Waldgesellschaft hörte sich seine Geschichte mit vielen "Ah!" und "Oh!" an.
"Hm," meinte der Dachs, "das klingt unschön. Etwas besser wirst du es hier schon haben, aber hüte dich, hier zu jagen. Hole dir dein Futter von den Bauernhöfen, aber nicht aus dem Wald. Solange du dich daran hältst, wirst du hier keine Feinde haben."
Das versprache Fridolin hoch und heilig, und so konnte er sich aus dem Laubhaufen befreien und seinen neuen Freunden zeigen. Die Füchsin hatte sich inzwischen alles überlegt und sagte:
"Wenn er will, darf er mit mir kommen. Ich kümmere mich um ihn und mache ihn waldtauglich. So lernt er die Regeln und auch, wo er sein Futter holen kann."
Damit waren alle einverstanden und Fridolin ging mit der Füchsin in ihren Bau. Sie lehrte ihn, wie er sich im Wald zu verhalten hatte, wer sein Freund sein konnte und wem er besser aus dem Weg ging (dem alten Keiler vor allem!) und wo er am leichtesten an Futter kam.
"Du mußt sehr vorsichtig sein," sagte sie, "denn die Menschn haben kein Verständnis für uns, die wir Beute jagen. Es sind IHRE Hühner und Kaninchen und die hüten sie sorgfältig. Aber ich zeige dir, wie man trotzdem drankommt!" lächelte sie. Und so geschah es. Es dauerte nicht lange, da kannte Fridolin die Bewohner des Waldes und mit manchen schloß er Freundschaft, andere ließ er in Frieden und sie ihn, und so hatte er ein gutes Leben im Wald. Im Fuchsbau konnte er den Winter überdauern und die Füchsin wurde ihm eine liebevolle Gefährtin.
Ach ja, fast hätte ich es vergessen: Fridolin wurde ein schöner, starker Hund und er liebte seine Füchsin von Herzen. Und wenn ihr einmal in den Wald kommt, in dem er lebt, dann wundert euch nicht, wenn ihr da ein paar kleine Hunde-Füchslein spielen seht!