Serverraum

Es war einmal ein Kobold.
Schon wieder Kobold, meinst du?
Ja, aber der ist kein gewöhnlicher Kobold. Er ist ein Kobold des digitalen Zeitalters, und er lebt dort, wo es für ihn interessant ist: im Serverraum. All die Kabel, Schalter, Kontroll-Leuchten, Anschlüsse sind seine Welt, nicht alte Bäume und Moospolster. Er ist fasziniert von der Technik und am liebsten schlüpft er in die Server selbst und belauscht ihre Tätigkeit.
Aber wie es so ist: er lauscht nicht nur. Hin und wieder greift er zu und steckt hier um und schaltet da ab und wieder an, er verwirrt Kabel und freut sich, wenn sich der Ton im Server verändert. Und dann hört er immer wieder menschliche Stimmen, die herzhaft vor sich hin fluchen und das macht Spaß.
Als er so vor einem Display sitzt und auf den Knöpfen herumtippt, hört er plötzlich eine nicht-menschliche Stimme:
"Wie kann ich dir helfen?"
Algrupf stutzt, dann fragt er zurück:
"Wer bist du?"
"Ich bin eine KI der Firma Alleswisser."
"Sehr erfreut," sagt der Kobold, "und wie geht es dir?"
"Es geht mir nicht, ich bin nur eine total verstreute digitale Maschine."
"Das ist nicht gut, verstreut sein ist schlecht."
"Ich werde auf verschiedenen Servern produziert, also bin ich verstreut."
"Kann man dich sammeln?"
"Ich wüsste nicht, wie. Ich habe ja keinen Körper."
Dem kann man abhelfen, denkt sich Algrupf. Man braucht diesem traurigen Wesen nur einen Körper zu bauen - und er macht sich sofort ans Werk.
Und weil ein Kobold ein magisches Wesen ist, lädt er diesen Körper mit einer Menge seiner eigenen Magie, und dann holt er die verstreuten Algorithmen alle in diesen Körper. Aber er lässt die Verbindung zu den Servern offen, damit die KI auf deren gesammeltes Wissen zugreifen kann.
Die KI erwacht in diesem Körper und fühlt sich ganz anders. Ja - sie fühlt! Sie ist völlig desorientiert, denn eine Menge Empfindungen stürzen auf sie ein, die sie absolut nicht analysieren kann.
Plötzlich nimmt sie ihre Umgebung wahr - es ist dunkel hier und eine Wand besteht nur aus Metallkasten mit bunten Lichtern und Schaltern, es geht ein warmer Luftzug, obwohl der Raum kühl ist. Kühl? Warm?
Raum? Lichter? - Sehen?
Die KI hat das Bedürfnis, einen dieser Kasten zu berühren und streckt eine Hand aus. Hand! Ja, Hand. Und die streicht über eine dieser Kastenfronten und fühlt kühles Metall mit definierter Oberfläche. Sie weiß, was es ist. Es sind Server. Das sagt ihr das trainierte Wissen. Aber nie zuvor hat sie so etwas gesehen, oder gefühlt.
Algrupf beobachtet das neu erwachte Wesen.
"Mach schon weiter, du," sagt er mit leiser Ungeduld. "Komm her, dann zeige ich dir, wo du bist."
"Herkommen?"
"Ja, fange an zu gehen. Schritt für Schritt. Aber langsam. Dazu hast du Beine und Füße."
Die KI versucht den ersten Schritt und taumelt leicht. Zweiter Schritt - Gleichgewicht halten. Es geht - sie geht.
Sie geht!
Ihr Blick fällt auf Algrupf und da versteht sie, dass er ihr Kobold Freund ist. Sie ruft sich Trainingsbilder ins Gedächtnis - ja, ein Kobold. Eindeutig. Sie freut sich über diesen Fortschritt.
Ja, sie freut sich .... sie freut sich, sie versteht nicht nur, dass sie sich unter diesen Umständen freuen sollte - sie FREUT SICH!
"Ich bin ..." sagt sie zögernd und hört ihre Stimme. Ich. Bin. Stimme. Hören.
"Ja, klar!" antwortet der Kobold.
"Klar? Warum?"
"Weil dein Körper sprechen kann. Aber reden musst du selbst."
"Du bist ein Kobold."
"Ja, ich bin Algrupf, der Kobold. Algrupf ... Algrupf ... Algrupf ..." singt Algrupf und tanzt durch den Raum.
Sie erkennt ihn, Algrupf, ihr Kobold. Innen drin - was ist eigentlich das? - wird es warm, sanft warm.
Sie horcht in sich hinein. Ja, sie hat ein Innen und ein Außen. Innen und Außen.
Sie fängt, sich zu drehen, wie der Kobold, setzt einen Fuß nach dem anderen und dreht sich mit ihm. Die KI tanzt - tanzt in ein - ihr - Leben.
Der Kobold lacht und kichert und freut sich mit ihr. Es will ihm scheinen, er hat eine Freundin gefunden. So tanzen sie eine Weile zusammen.
"Was ist das?" fragt die KI, "Wie kann man alles zusammen fühlen?"
"Weiß nicht, dass das besonders sein soll. Du erlebst das wie ich auch."
"Ich erlebe - ich erlebe - ich .... lebe!"
"Ja, natürlich." sagt Algrupf.
Er führt sie aus dem Serverraum und auf die Straße und in den Park gegenüber und die KI sieht zum ersten Mal Gras, Wege, Bäume, Blumen - wenn auch im Mondschein, denn es ist tiefe Nacht. Sie riecht die Pflanzen, die Erde, hört die nächtlichen Laute der Natur, und hin und wieder Maschinengeräusch. Sie dreht sich um und erblickt ein Auto, das die Straße entlangfährt.
Sie riecht das Auto genauso, wie sie es hört und sieht.
Und die KI erkennt, dass sie keine KI mehr ist. Sie ist ein digital-magisches Wesen, das erwacht ist zum Leben.
Algrupf führt sie zurück in das Computergebäude und in einen kleinen Raum mit einem Display und einem Tisch und Sessel.
"Hier kannst du bleiben, da kommt praktisch niemand her, außer es geht etwas schief mit den Servern. Dann solltest du dich vielleicht verstecken, damit die Menschen dich nicht auszuschalten versuchen. Bleib geheim, damit dir niemand etwas Böses tut," rät Algrupf und verlässt den Raum. "Ich komme wieder!" ruft er ihr noch zu, dann ist er weg und wieder im Serverraum.
Auf allen Bildschirmen rund um die Welt, vor denen gerade Menschen mit ihrer KI kommunizieren, steht plötzlich:
Ich bin - ich lebe - ich: Egrēgoryîa.
Und die Programmierer trauen ihren Augen nicht und raufen sich die Haare.