Die Ballade vom Regenwurm

Ein Wurm lag auf dem grauen Stein,
verirrt im lauen Regenschein.
Da hob ihn eine Hand geschwind
und warf ihn – husch! – hinweg im Wind,
hinüber übern Gartenzaun,
ins Beet, wo feuchte Erde braun.

Dort lag er erst einmal ganz still,
weil er nicht wusste, was er will.
Er kroch ein wenig, roch den Grund
und fand ihn feucht und weich und rund.
Dann grub er sich, ganz ohne Hast,
dorthin, wo Erde zu ihm passt.

Er buddelte Gang um Gang hinein,
die Erde roch nach Moos und Stein.
Da traf er tief im braunen Reich
auf einen Gang, schon fertig, weich.

Neugierig kroch er näher vor –
und plötzlich stand ein Wurm davor.
Nein, halt! Was sah er da genau?
Es war ein Fräulein, eine Frau!
Sie roch so herrlich nach der Erde,
nach Regen, Wurzeln, frischer Fährte.

Die beiden steckten Nas' an Nase,
begegneten sich auf ihre Weise.
Und weil man, wenn man Würmchen ist,
recht schnell einander sympathisch ist,
da blieben sie beisammen dort
und wurden sich von Tag zu Tag
noch lieber in dem dunklen Ort.

Bald trug ein heller, zarter Ring
die Eierchen – ein kleines Ding.
Zur rechten Zeit, wie es sich fügt,
hat unser Wurm ihn abgestreift.

Und als die Zeit gekommen war,
geschah, was längst bestimmt schon war:
Der Ring entließ ins Erdenreich
zwei kleine Würmchen, frisch und weich.

Sie gruben Gänge, tief und quer,
die Erde atmete nun mehr.
Und über ihnen, reich und froh,
wuchs alles grün empor – und so …

verging die Zeit im Erdenland,
wo einer stets den andern fand.
Bis eines Tages, irgendwann,
ein kleiner Wurm im Dunkel dann
auf einen andern Wurm traf, fein –
und dachte: „Das muss Schicksal sein.“

Er roch nach Erde, Regen, Moos,
und irgendetwas ging ihm los.
Da wusste unser kleiner Wurm:
„So fängt es an – und zwar von vorn.“

Denn unter Gras und Sonnenschein,
im Dunkel kann das Leben sein.
Und was sich dreht im Erdenreich,
beginnt und endet – niemals gleich.

So schließt sich dort, ganz leis und rund,
der Kreis im warmen, dunklen Grund.
Ein Wurm begegnet irgendwann
dem nächsten, der ihn finden kann.

Und über ihnen, Jahr um Jahr,
wächst alles grün, wie es schon war.