Erkenntnisse

Erkenntnisse

Jetzt, im März, können wir alle den Frühling kaum erwarten. Auch mir gehen ständig Frühlingslieder im Kopf herum und da zwitschert und tiriliert es und den Vögeln wird Lustigkeit unterstellt, an der wir uns ein Beispiel nehmen sollen.

Lustig? - Wir wissen, daß Vögel nicht singen, weil sie lustig sind, sondern daß das ihre Art der Werbung und Inanspruchnahme eines Reviers ist. Das 18. und 19. Jahrhundert haben das romantisiert und vermenschlicht und so sind diese (eigentlich dummen) Liedtexte entstanden, die aber unsere menschlichen Sehnsüchte ausdrücken.

Wir Menschen sind von Natur aus neugierig und nicht immer ist die Triebfeder das "Haben-Wollen". Es ist das "Wissen-Wollen", der Trieb, hinter das Offensichtliche zu schauen. Nicht immer, aber meistens ist es Gier und die Überzeugung, die Krone der Schöpfung zu sein und alles zu besitzen. Wir nehmen uns Rechte heraus, die uns nicht zustehen, und schädigen damit nicht nur diesen Planeten (ein unsagbar kostbares Geschenk) sondern auch uns selbst.

Das drückt sich auch in der Frage aus: sind Tiere intelligent?

Allein diese Frage ist schon Dummheit. Natürlich sind Tiere intelligent - ob es sich um Einzelintelligenz oder Schwarmintelligenz handelt. Sie sind nur nicht menschlich intelligent, sie haben ihre eigene Intelligenz. Der Mensch in seiner Überheblichkeit reduziert das tierische Verhalten auf Instinkt und übersieht ganz, daß Instinkt auf die Dauer nicht ausreicht, um das Überleben eines Individuums oder einer Art zu sichern. Aber Tiere planen. Nicht nur Primaten, Delphine und Elephanten - alle Tiere. Vielleicht nicht für Wochen, Monate, Jahre - aber für die nächste Zeit, die gebraucht wird, um etwas zu vollenden.

Um das zu erkennen, braucht es keine Wissenschaft, sondern nur Beobachtung. Die Verhaltensforschung geht da intelligentere Wege als die gewöhnliche Wissenschaft (die für mich eher eine Rateschaft ist). Wie will man Intelligenz feststellen, indem man ein Tier zählen oder menschliche Laute nachahmen läßt? Das hat mit Intelligenz nichts zu tun. Wie wollen wir Intelligenz erkennen, wenn es nicht einmal eine allgemein gültige Definition von Intelligenz gibt?

Für mich ist Intelligenz nicht etwas Allgemeines, sondern es gibt für mich eine praktische, eine theoretische und eine soziale Intelligenz. Es gibt Menschen, die haben ungemein geschickte Hände und ein gutes Verständnis für Dinge. Dann gibt es Menschen, die fabelhaft gut lernen und jede Menge Wissen speichern. Und weiter gibt es Menschen, die auf andere eingehen können, Menschen mit tiefem Einfühlungsvermögen, die wunderbare Begleiter für Andere sind.

Wenden wir dieses Wissen auf Tiere an, so sticht bei unseren Vettern - ja, unseren Vetten, und das sind nicht nur die Primaten, sondern ALLE Tiere! - vor allem die praktische und die soziale Intelligenz hervor. Da zeigen Reels in Facebook, wie ein Gorilla ein Löwenbaby aus dem Wasser rettet ... und alle Leute, die das sehen, überschlagen sich vor Erstaunen. Sie sind fassungslos über Freundschaften zwischen - angeblich natürlichen - Feinden in der Tierwelt und können nicht genug staunen, wenn sie ein Tier um einen verlorenen Gefährten trauern sehen.

Jetzt frage ich mich: wie ist es möglich, daß Menschen über solche Beispiele verblüfft sind? Wir können das alles und doch sind wir nichts anderes, als das Tier mit dem höchstentwickelten Gehirn, das wir offensichtlich im Alltag kaum gebrauchen, sonst würden wir nicht ständig an dem Ast sägen, auf dem wir sitzen. Ein menschlicher Embryo im 1. Monat unterscheidet sich überhaupt nicht von einem Kükenembryo oder einer Kaulquappe oder ....

Was gibt uns das Recht, uns so erhaben über Tiere zu dünken und sie als Gegenstand zu behandeln? Ist es die biblische Geschichte : "gehet hin, liebet und vermehret euch und macht euch die Erde untertan" ? Oder ist es die Tatsache, daß wir an der Spitze der Nahrungskette stehen? Daß wir uns eine durch und durch künstliche Umwelt aufgebaut haben, damit der Nacktfrosch Mensch überleben kann?

Tatsache ist, daß wir den Respekt verloren haben. Respekt innerhalb unserer eigenen Art, Respekt gegenüber unserer Umwelt. Ohne Respekt verlieren wir die Verbindung zu unserer Umgebung - zu unseren Mitmenschen und Mitgeschöpfen und der Welt. Wir spüren nicht mehr, daß die ganze Welt atmet, daß wir alle aus den gleichen Bausteinen bestehen, daß wir weiter nichts sind als winzigste Teilchen des Universums. Wir fürchten uns im Leben, wir fürchten uns vor Verlust, wir fürchten uns vor dem Tod - dabei ist dieser nichts anderes als die Rückverwandlung in das, was wir ursprünglich waren - universelle Energie.

Haben wir keinen Respekt, dann neigen wir zu Mißbrauch. Sogar innerhalb unserer eigenen Art, Rasse, Familie ... Und so mißbrauchen wir auch unsere Mitgeschöpfe, Tiere, Pflanzen, alle Natur und auch das, was wir selbst schaffen.

Der Mensch ist des Menschen Wolf.

Diese Feststellung stammt von Plautus, einem römischen Dramatiker aus dem 2. vorchristlichen Jahrhundert, und seinem Werk "Asinaria" - Eselskomödie. Thomas Hobbes, ein englischer Mathematiker, Staatstheoretiker und Philosoph verwendete den Ausspruch in seinem "Leviathan" und machte ihn populär. Beide sahen den Menschen als egoistisches, gewalttätiges Wesen - nicht zu Unrecht, wenn man die Geschichte der Menschheit kennt und sieht, wie sie mit der Welt generell umgeht. Der positive Ausdruck "human" verkehrt sich nur allzu leicht und schnell ins Gegenteil. Das ist mein Kummer.

Ich denke immer daran, wie offen Kinder das Unbekannte, Neue annehmen. Sie gehen furchtlos darauf zu und sie können sich mit Tieren auf einer Ebene verständigen, die uns Erwachsenen verschlossen ist. Das habe ich im Laufe meines Lebens so oft gesehen und manchmal denke ich wie Erich Kästner: Schade, daß Kinder Leute werden.

Was ich mir wünsche? Daß wir von unseren tierischen Vettern lernen - bedingungslose Liebe, Vertrauen, Respekt und Empathie. Vor allem: Respekt, Achtung - und Aufmerksamkeit. All das bekommen wir von ihnen und geben ihnen dafür ...... nichts außer Verrat, Herzlosigkeit, Egoismus, Niedertracht und Grausamkeit. Vieles davon geschieht ohne besondere Absicht, einfach nur aus Mangel an Aufmerksamkeit und Gefühl und Verständnis.

Laßt uns sein wie - nein, nicht wie die Kinder! - wie ein Hund, der seinen Herrn auch dann noch liebt und verteidigt, wenn dieser ihn schlägt und hungern läßt. Dann erst werden wir zu Menschen, wie sie sein sollen.