Spuk

a glowing tree with mushrooms in a nocturnal forestMitten in einem stockfinsteren Wald steht ein altet, knorriger Baum mit bläulich leuchtenden Umrissen und zwischen seinen Wurzeln wachsen leuchtende Pilze. Die Eichhörnchen scheinen den Stamm hinauf zu laufen, aber sie werden nur undeutlich sichtbar. Und sie laufen auch nicht wirklich, irgendwie wirkt alles wie gebannt.

Es ist mucksmäuschenstill in diesem nächtlichen Wald, nicht mal Blätter rascheln und auch die Eichhörnchen geben keinen Laut von sich. Da erscheint im Hintergrund, zwischen all den Bäumen, ein diffuses, bläulich-weißes Leuchten. Es bewegt sich auf den Baum zu.

Das Leuchten wird immer deutlicher und kommt näher und näher. Jetzt kommt Bewegung in die Eichhörnchen, sie fallen vom Stamm ab und verkriechen sich in den Zwischenräumen des Wurzelgeflechtes.

Das Licht ist ganz nah jetzt und plötzlich bildet es Lichtarme aus, die sich um den Stamm des Baumes wickeln. Dem Baum entringt sich ein Ächzen und an seinem Stamm entsteht ein Spalt - ganz schmal, von oben nach unten, als schneide ein großes Messer ihn auf.

Der Spalt erweitert sich ganz langsam, es ist nicht ganz dunkel im Baum, aber noch ist nichts zu erkennen. Schritt für Schritt wird der Spalt immer weiter und langsam erkennt man ein bißchen. Da ahnt man Fächer im Baum, ah, die sind nicht leer! - Aber was ist das????

Hm, da drin ist Bewegung und etwas will heraus, etwas Weißes, Flatterndes. Aber es wartet geduldig, bis der Spalt weit genug ist. Dann ist es da - es ist ein Gespenst! Mindestens so hoch wie ein Mensch aber viel weniger solide. Es wirkt transparent und ein bißchen ausgefranst.

Es dreht sich um, schaut zum Baum und winkt. Und da passiert es: wie aus einem Ameisenhaufen kommen sie gewimmelt - lauter winzig kleine Gespensterchen, kaum größer als ein Fußball! Sie wirken viel körperlicher als das große Gespenst und sind auch nicht so ausgefranst. Und sie sind in Bewegung, es gibt keine Ruhepause.

Endlich sind alle aus dem Baum und schauen kurz auf das große Gespenst - es sieht aus wie eine Kindergarten-Tante - und wer weiß, vielleicht ist es das auch? Die Tante nickt und da stürzen sich die kleinen weißen Kerlchen auf die leuchtenden Pilze und jedes nimmt sich einen und dann bilden sie einen Kreis um den Baum.

Jetzt beginnen die kleinen Gespenster zu tanzen, rings um den Baum. Erst langsam, dann schneller, bis ein kleiner, leuchtender Wirbelwind sich um den Baum zu ringeln scheint. Oh, da passiert etwas mit dem Baum! Er leuchtet plötzlich stärker blau und ... seine Form ... er verändert sich ...

Er verwandelt sich und ein Thronsessel entsteht, überdacht von einem sanft leuchtenden Baldachin. Noch ist er leer, aber ...

Nun nähert sich das Leuchten, das bisher im Hintergrund stand, es schwebt zum Thronsessel und gewinnt an Festigkeit und Gestalt und auf einmal steht da eine wunderschöne, hoheitsvolle Frau, die auf dem Thron Platz nimmt. Ein Wink von ihr und die Gespensterchen mit ihrer "Kindergarten-Tante" bilden einen Halbkreis. Da krabbeln die Eichhörnchen aus ihrem Wurzelversteck und verneigen sich tief und nehmen ihren Platz innerhalb des Gespenster-Halbkreises ein.

Inzwischen stellen sich nach und nach die Tiere des Waldes ein - Reh, Hirsch, Fuchs, Hase, Dachs, Wiesel ... alle, alle. Und die Bäume füllen sich mit Vögeln aller Arten. Und alles geschieht ohne Lärm, nur ein leistes Flüstern geht durch den Wald. Die Gespensterchen bilden eine Gasse, durch die alle Waldbewohner in den Halbkreis kommen können, wo sie ihrerseits einen Halbkreis bilden.

Zuletzt kommt, ängstlich und verschreckt, und von einem - hm, sagen wir - Halbgespenst geleitet, eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm.

Menschen - Menschen hier in der Versammlung!

Und nun fallen die ersten Worte, denn Menschen brauchen Worte. Die Natur rundum braucht sie nicht. Aber Menschen sind sehr eingeschränkte Wesen. Die Frau auf dem Thron spricht die Menschenfrau an:

"Fürchte dich nicht, Förstersfrau. Du hast ein neues Menschenwesen in den Wald geboren, es ist Zeit, es in unsere Gemeinschaft aufzunehmen. Komm, setze dich zu meinen Füßen nieder, nimm dein Kind auf den Schoß und sieh dir an, was geschieht. - Nein, hab keine Angst. Setze dich mit dem Rücken zu mir und wende dein Gesicht der Waldgemeinschaft zu."

Die Mutter gehorcht und das Kind sitzt jetzt in ihrem Schoß und jedes Tier nähert sich im einzeln, berührt es sacht und verneigt sich vor ihm. Nacheinander kommen alle Tiere, die an dieser Zeremonie teilnehmen, und das Kind hat keine Scheu, es berührt jedes Tier mir seinen Händchen und sie strahlen Freude aus. Und es wird nicht müde, trotzdem diese Zeremonie Stunden dauert, denn alle Tiere am Boden und in der Luft wollen daran teilhaben.

Als sich jedes Tier dem Kind vorgestellt hat, stellen sie sich wieder im Halbkreis auf und die Vögel fliegen zurück auf die Bäume. Und nun legt die Frau auf dem Thron ihre Hand auf die Schulter der Frau des Försters und sagt leise:

Steh auf und geh mit dem Schutz des Waldes und seiner Meisterin, ihr würdet Fee zu mir sagen. Dein Kind ist jetzt Teil der Gemeinschaft und nichts und niemand wird ihm jemals schaden, solange es dem Wald die Treue hält, wo immer es auch leben wird. Lebwohl!"

Die Mutter entfernt sich dankbar und trägt den Segen der Waldkönigin mit sich und ihrem Kind.