Es lebte einst, vor langer, langer Zeit, ein armer Fischer namens Ilari mit seiner Frau in einer kleinen Hütte am Rande einer reichen Hafenstadt. Obwohl der Fischer fleißig jede Nacht auf das Meer hinausfuhr und seine Netze auslegte, brachte er sich und seine Familie mehr schlecht als recht durch. Die Ausbeute war nicht groß und die Städter zahlten schlecht.

Das hat keine Zukunft,“ sagte er eines Tages zu seiner Frau, „als Fischer kann man nicht mehr überleben. Ich werde als Matrose auf einem der großen Segler anheuern. Sei nicht traurig, Liebste, ich werde zwar lange weg sein, aber vom Handgeld und später von der Heuer kannst du mit den Kindern gut leben – besser als jetzt auf jeden Fall.“

Gesagt – getan. Ein wunderschönes, großes Handelsschiff lag im Hafen und da fragte der Fischer um Arbeit. Er wurde gern angenommen und sollte sich am frühen Morgen auf dem Schiff einfinden, denn dann wollte der Kapitän auslaufen.

Seine Familie ließ ihn nur ungern ziehen, aber das Handgeld war sehr großzügig – außerordentlich großzügig sogar! – und mehr als genug, um davon einige Zeit vernünftig zu leben, und so fügten sie sich drein. Am Morgen meldete Ilari sich zur Arbeit und das Schiff lief aus.

Unser Fischer war harte Arbeit gewöhnt und so fiel ihm die Arbeit auf dem Schiff nicht schwer. Sie segelten etliche Tage, immer weiter nach Süden, und eines Tages rief der Ausguck Land aus. Als sie näherkamen sahen sie, dass vor ihnen eine große, schöne Insel lag. Sie fuhren in eine geschützte Bucht ein und ankerten da, um Frischwasser aufzunehmen.

ein grünleuchtendes Geisterschiff in einer vom Vollmond beleuchteten BuchtEs war eine schöne Vollmondnacht, die erste, seit sie ausgelaufen waren, und Ilari nützte die Gelegenheit, an Land zu gehen. Er erstieg einen kleinen Hügel und schaute über die Insel und das Meer. Als sein Blick auf das Schiff fiel, erstarrte er vor Schreck und Staunen:

Das Schiff leuchtete in einem unnatürlichen Grün und die Besatzung hatte sich in lauter Geister verwandelt und feierte ein wildes, ausschweifendes Fest. Lautes Geschrei und Gelächter tönte über das Wasser und rund um Ilari hatten sich ein paar Inselbewohner eingefunden und blickten zusammen mit ihm auf das unglaubliche Treiben. Allerdings zogen sie sich schnell wieder zurück und machten Türen und Fenster fest zu.

Jetzt erklärte sich das großzügige Handgeld! Ilari überlegte, was für Möglichkeiten er hatte: sollte er auf das Schiff zurückkehren – frühmorgens, nicht in der Nacht! – oder sollte er hier auf der Insel warten, bis ein anderes Schiff anlegte?

Nun, er hatte das Handgeld angenommen und sich damit verpflichtet, also beschloss Ilari, morgens auf das Schiff zurückzukehren und sein Schicksal anzunehmen, was immer daraus werden sollte. Danach bettete er sich auf weiches Moos und schlief tief und fest.

Als die Sonne aufging, kehrte er zum Ufer zurück. Da lag immer noch sein Boot und er ruderte zurück zum Schiff, das im Morgenlicht ganz normal aussah. Die ersten Matrosen waren schon an der Arbeit, sie sahen aus wie richtige Menschen und nichts deutete auf das nächtliche Geschehen hin. Hatte er geträumt?

Ohne irgendetwas zu sagen ging Ilari wieder an die Arbeit. Er blieb freundlich, aber er hielt sich auch ein bisschen zurück im Umgang mit der Besatzung. Diese Nacht wiederholte sich nicht und langsam verblasste die Erinnerung an die Vollmondnacht.

Inzwischen segelte das Schiff immer weiter und weiter und Ilari erwartete jeden Tag, an ein Ziel zu gelangen, aber niemals wieder legte das Schiff in einem der vielen Häfen unterwegs an. Wunderbarer Weise gingen weder die Nahrungsmittel noch das Wasser aus und es geschah nichts Besonderes.

Die nächste Vollmondnacht kam heran und Ilari sah ihr besorgt entgegen. Was, wenn sie nicht anlegten und er an Bord zu bleiben hatte? So richtete er sich einen kleinen Rückzugsort im Bauch des Schiffes ein, wo er in dieser Nacht zu bleiben gedachte.

Doch es kam ganz anders! Der Mond ging auf und das Schiff begann grün zu glühen und Ilari wollte sich schleunigst zurückziehen, als ihn der Kapitän anrief und zu sich befahl. Er lud ihn ein, sich zu ihm und der Mannschaft zu setzen und am Gelage teilzunehmen. Je weiter der Mond aufstieg, umso weniger ähnelten Kapitän und Mannschaft mehr Menschen, sie veränderten sich und wurden durchsichtig.

Der Kapitän beobachtete Ilari, wie dieser reagierte und lächelte ihm zu.

Du mußt dich nicht fürchten. Iß und trink mit uns, des wird dir nicht schaden. Nach dieser Nacht, wenn du uns nicht im Stich läßt, wirst du gesund und munter wieder zuhause landen, mach dir keine Sorgen!“ Und er bot Ilari den Becher mit Wein und Ilari nahm ihn – zwar zögernd, dann aber doch entschlossen, an und trank seinem Kapitän und der Mannschaft zu. Sein Toast wurde mit Begeisterung angenommen und alles stürzte sich auf das Essen. Ilari kostete und wurde sich bewusst, dass er noch nie zuvor so üppig gegessen hatte.

Der Wein floss in Strömen und die Besatzung wurde immer fröhlicher. Aber mit dem Morgengrauen wurden die Konturen der Männer wieder fester, das grüne Leuchten erlosch und der Kapitän wandte sich an Ilari.

Du hast deine Aufgabe erfüllt, lieber Ilari. Wir danken dir von ganzem Herzen. Geh jetzt schlafen, und wenn du aufwachst, bist du wieder daheim. Du hast den Fluch von uns genommen, weil du trotz deiner Furcht mit uns ausgeharrt und an unserem Mahl teilgenommen hast. Unseren Dank wirst du nach dem Aufwachen vorfinden und unser Segen wird dich für den Rest deines Lebens begleiten.“

Ilari wurde plötzlich schrecklich müde und legte sich folgsam in seine Hängematte, wo er sogleich in einen tiefen Schlaf fiel.

Als er wieder aufwachte, lag er in einem Bett in einem Gasthaus seiner Heimatstadt und wunderte sich, ob er alles geträumt habe. Aber da stand seine Seemannskiste und all seine Habe lag darauf. Er öffnete die Kiste – und wie war mit lauter kleinen Beuteln gefüllt, die sich schwer anfühlten. Ilari machte einen der Beutel auf – Goldmünzen fielen heraus und er sammelte sie schnell wieder ein.

Das war freudiger Schreck, der ihn durchfuhr! So sah der Dank des Kapitäns aus ….

Ilari bezahlte seine Übernachtung mit Gold aus einem der Beutel und verabschiedete sich freundlich vom Gastwirt. Dann nahm er seine Kiste und machte sich auf den Weg nach Hause. Seine Familie war heilfroh, ihn gesund wiederzusehen und Staunen machte sich breit, als sie seine Erzählung hörten und das Geschenk des Kapitäns sahen. Aber Ilari machte ihnen schnell klar, dass sie den Mund zu halten hatten und kein Wort davon erzählen durften. Und das war klug von ihm. Sie kauften ein schönes Haus mit einem großen Garten in einer anderen Stadt, wo man sie nicht kannte, und lebten dort sorgenfrei und dankbar bis …. ja, solange es ihnen vergönnt war!

Das Schiff aber ward nie wieder gesehen.