Zick

ein zicklein steht auf einer gartenhütte und beobachtet entenküken beim plantschen in einer lacheZick, geh da sofort runter und komm her!“ ruft die Mutter, die unter einem Baum steht und an einem tiefhängenden Zweig knabbert.

Zick steht auf dem Dach eines kleinen Gartenhäuschens und beobachtet drei Entenküken, die fröhlich in einer Lache plantschen. Eigentlich würde er ja gern dasselbe tun, aber das Wasser ist so schmutzig und seine Mutter wäre schrecklich zornig, wenn er sein schönes Fell so verschmutzen würde. Aber er steht gern höher oben und so stellt er seine Ohren auf Durchzug und tut so, als hätte er nichts gehört.

Seine Mutter ruft erneut und diesmal setzt sie sich in Bewegung und geht in seine Richtung. Oje, das sieht aus, als machte sie ernst. Also dreht Zick sich um und hopst auf der anderen Seite runter. Da landet er in nassem Blattwerk, denn der Regen ist noch gar nicht lange her, und schüttelt sich erst einmal ausgiebig.

„Wir müssen auf die andere Weide,“ sagt seine Mutter, als er endlich bei ihr angelangt ist, „der Bauer hat Besuch und wünscht uns nicht ums Haus. Die anderen sind schon vorausgegangen.“

Damit dreht sich die Mutter um und zuckelt in Richtung Westweide, im Vertrauen, dass Zick ihr gehorsam folgt. Der aber hat ganz anderes im Sinn: Gäste, denen der Bauer seine Ziegen nicht zeigen will? Das ist ja seltsam, da steckt etwas dahinter und Zick will unbedingt wissen, was. Also verschwindet er ganz unauffällig aus dem Windschatten seiner Mutter und flitzt zum Bauernhaus, immer schön in einer Deckung, damit ihn der Bauer nicht bemerkt. Er hört Stimmen aus dem Haus und schnell springt er auf die Bank unter dem Stubenfenster.

Da sind sie ja! Am Tisch sitzen zwei Kerle einander gegenüber und zählen … Geld! Der Bauer ist nicht zu sehen, nur diese zwei. Was soll denn das bedeuten? Zick ist ratlos. Er läuft um das Haus herum, um durch das andere Fenster zu schauen und da sieht er ihn, den Bauern. Er steht neben seiner Frau und sie hält seinen Arm mit verzweifeltem Gesicht. Der Bauer schaut sehr finster drein, aber er unternimmt nichts.

Da stehen die zwei Kerle auf, stecken das Geld ein und trampeln aus dem Zimmer, nicht ohne den Bauern ordentlich angerempelt zu haben.

Jetzt kriegt Zick es eilig zu verschwinden, er darf keinesfalls entdeckt werden! Schnell rennt er hinter einer Mutter her und erreicht knapp nach ihr dieein zicklein guckt durch ein fenster Westweide. Sofort hält er nach seinen besonderen Freunden Ausschau: Scheck und Bär und winkt ihnen:

„Kommt schnell, ganz schnell!“ und hüpft in Richtung Wald, während er sich immer wieder nach ihnen umsieht. Die werden neugierig und springen ihm nach.

„Was ist los?“ – „Schnell, da sind zwei Kerle in den Wald gegangen, wir müssen sehen, was sie machen!“

Gehorsam traben seine Freunde mit ihm in den Wald und ganz weit vorne auf dem Weg sehen sie zwei Männer mit Rucksäcken.

„Vorsicht, sie dürfen uns nicht entdecken!“ flüstert Zick. „Keine Fragen, ich erzähl’s euch später!“

Wenig später erreichen die Männer eine baufällige Hütte im Wald, da werden sie schon erwartet.

„Na, hat der Bauer Geld rausgerückt?“ ist die erste Frage, die der jüngere der beiden Männer vor der Hütte stellt.

„Hat er. Aber er sagt, dass du gar nicht mehr bei ihm vorbeikommen sollst. Er will dich nicht mehr sehen . Und du bist nicht mehr sein Sohn.“

„Das habe ich mir gedacht. Er wird anders denken, wenn wir das Geschäft abgeschlossen haben!“

drei ziegen folgen zwei männern im wald„Dein Wort in Gottes Ohr, ich bin mir immer noch nicht sicher, ob wir da wieder gut rauskommen.“

„Sei nicht so pessimistisch, Bert! Es wird das Geschäft unseres Lebens, du wirst schon sehen. Der Mann wirkt tüchtig und scheint sein Geschäft zu verstehen. Wenn er auf unseren Vorschlag eingeht, sind wir gemachte Leute!“

„Falls, nicht wenn. Na, du musst ja wissen, was du tust. Es ist das Geld und der Hof deines Vaters, die du auf’s Spiel setzt.“

Die Männer verziehen sich in die Hütte und bald steht Essen und Bier auf dem Tisch und sie machen es sich gemütlich. Unsere drei Freunde sehen einander an:

„Was ist denn das,“ fragt Bär, „was geht denn das uns an?“

Und da erzählt Zick, was er im Bauernhaus gesehen hat, wie verstört die Bäuerin und wie zornig der Bauer war.

„Es ist unser Bauer, er versorgt uns und wir gehören zu ihm und dem Hof. Da ist es nicht unwichtig zu wissen, was sich tut und was ihm Sorgen macht, oder?“

„Naja,“ meint Scheck, „aber das ist Menschenkram, nicht Ziegenkram, und wir verstehen sowieso nichts davon.“

Zick nickt verzagt, denn sie können ja wirklich nichts dagegen tun. So kehren sie auf ihre Weide zurück und beeilen sich, noch genügend Gras und Blätter zu zupfen, ehe es Schlafenszeit ist.

Das Leben auf dem Bauernhof nimmt seinen gewohnten Lauf, aber der Bauer sieht stets grimmig drein und die Bäuerin wirkt unglücklich. Darüber vergehen einige Wochen und die Ziegen haben den Vorfall längst vergessen, nur Zick denkt immer noch daran. Manchmal läuft er zur Hütte im Wald, aber die ist stets leer und verlassen.

Eines Tages hält ein Auto vor dem Bauernhaus. Der Bauer ist im Wald, nur die Bäuerin ist daheim und tritt aus dem Haus. Zwei Männer verlassen das Auto, der Ältere ist einer derjenigen, die Zick in der Stube gesehen hat, der andere ist der Sohn des Bauern. Dieser läuft auf seine Mutter zu und nimmt sie in die Arme.

„Mutter, es ist gelungen!“ Und er drückt der Mutter eine Brieftasche in die Hand. „Schnell, gib das in die Hauskasse, als wäre nichts gewesen. Und dann erzähle Vater, dass ich die Schuld zurückgezahlt habe und heute Abend wiederkommen werde, um mich zu entschuldigen. Tu dein Bestes, ihn versöhnlich zu stimmen, Mutter, bitte!“ Er umarmt sie noch einmal und steigt wieder ins Auto – und weg sind sie.

Die Bäuerin aber steht da wie angewurzelt vor Überraschung, dann findet sie ihre Ruhe wieder und geht zurück in die Küche. Ein paar Stunden später kommt der Bauer heim. Er wäscht sich und setzt sich dann an den Küchentisch zum Mittagessen. Der Tisch ist gedeckt wie immer, aber auf dem Teller liegt kein Essen, sondern eine Brieftasche.

„Was soll das, Frau?“ fragt er erstaunt.

„Schau rein,“ sagt sie.

„Geld, eine Menge Geld … was soll das, wo kommt das her?“ – „Zähl nach!“

Restlos verblüfft zählt der Bauer nach … und da dämmert ihm etwas.

„War Heinrich da?“ – „Ja, und er kommt abends noch einmal, um sich zu entschuldigen. Tu mir einen Gefallen, Georg: rede mit ihm und nimm die Entschuldigung an. Ich halte das nicht mehr aus!“ Der Bauer grummelt etwas vor sich hin, aber er nickt.

„Werden sehen!“

Zick zappelt den ganzen Nachmittag um das Haus herum. Seine Freunde wollen ihn gern beruhigen, aber nichts, was sie versuchen, hilft. Er ist schrecklich aufgeregt.

Endlich ist es Abend und die Ziegen sind bereits im Stall und schlafen. Ein Auto nähert sich. Zick ist putzmunter, hört den Motor und schlüpft unbemerkt hinaus.

Die Bäuerin nimmt die Ankömmlinge in Empfang und geht mit ihnen ins Haus. Schnell hopst Zick wieder auf die Lauschbank und guckt durch das Fenster.

Der Bauer sitzt am Tisch und steht nicht auf, als sein Sohn und dessen Freund in die Stube treten. Die Bäuerin bleibt an der Türe stehen, während die jungen Männer auf den Bauern zugehen.

„Vater, ich bitte um Entschuldigung für für das, was letzthin geschehen ist. Vergib uns und lass mich erzählen, was geschehen ist.“

„Setzt euch. Und du rede!“ grollt der Bauer.

Die Mutter deckt währenddessen den Tisch für sie alle, trägt das Essen aber noch nicht auf. Der Sohn fängt an zu erzählen.

„Du hast mir das Technikstudium ermöglicht, Vater, und ich habe mich richtig reingekniet und etwas erfunden, wovon ich hoffte, es könnte auf dem Markt bestehen. Meine Freunde haben mir geholfen und Markus hier hat Kontakt zu einer großen Firma hergestellt, die vielleicht an meiner Erfindung interessiert sein könnte. Das Geld haben wir gebraucht, um die Patente anzumelden.“

„Und?“

„Die Firma hat die Erfindung gekauft und die Produktion ist angelaufen. Und so konnte ich dein Darlehen zurückzahlen. Vater, ich danke dir von Herzen, dass du mir das ermöglicht hast, die Ausbildung und das Darlehen. Ich stehe jetzt vor einer gesicherten Zukunft, und das dank dir und Mutter.“

Während der Erzählung wird das grimmige Gesicht des Bauern immer milder und er hört aufmerksam zu. Dann hebt er den Kopf und sieht seinen Sohn an.

„Frau, wo bleibt das Essen?“

Und sie schmausen in Frieden und Zick kehrt glücklich in den Stall zurück.