Koron und Lora wandern im Gebirge. Sie sind seit dem frühen Morgen unterwegs und es ist bald Zeit für eine kurze Mittagsrast. Nur kurz, denn sie wollen den Gipfel noch mittags erreichen, damit sie vor dem Abend wieder im Tal sind.
Sie setzen sich in eine Felsnische und packen ihre Brote und die Äpfel aus.
"Das Wetter scheint zu halten," meint Koron und Lora nickt. "Wir haben Glück, Dank dem Himmel!"
"Der Blick ist phantastisch da oben, man sieht die ganze Majestät dieses Gebirges und die wunderbare Schönheit der Täler. Ach, wie ich die Berge liebe!" ruft Koron aus, während sie sich für den weiteren Aufstieg fertigmachen.
Der wird noch hart genug und das letzte Stück müssen sie klettern. Aber sie schaffen es und stehen zuletzt unter dem Gipfelkreuz. Weit schweift ihr Blick in das Land, Koron ergreift Loras Hand und sie schweigen ergriffen.
Da verändert sich plötzlich die Welt. In Sekundenschnelle haben sich rund um den Berg und über ihm dicke graue Wolken gebildet und sie schließen die zwei Menschen eng ein.Lora beginnt zu zittern und auch Koron ist zutiefst erschrocken. Was ist das, so etwas hat er noch nie erlebt.
Aus dem Berg ertönt ein dumpfes Rumpeln und der Boden bewegt sich. Koron und Lora setzen sich schnell hin, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Flüchten können sie nicht, denn innerhalb der Wolken ist nichts zu sehen. Also warten sie angstvoll ab, was noch auf sie zukommt.
Rund um sie wachsen Felsen aus dem Boden und bilden einen geschlossenen Kreis. Was noch schlimmer ist: die Felsen haben Gesichter! Ernst, fast grimmig blicken sie auf die zwei Wanderer.
Lange Zeit ist es ganz still auf dem Berg, nur innerhalb des Berges rumpelt es weiter. Plötzlich tritt eine Gestalt zwischen den Felsen hervor: entfernt menschenähnlich, klein wie ein etwa 12jähriges Kind und wie aus Steinen zusammengesetzt. Diese Kreatur setzt sich Koron und Lora gegenüber hin und betrachtet sie intensiv. Nach eingehender Prüfung fängt das Wesen an zu reden:
"Lora, Koron - die Berge kennen euch. Wir wissen, daß ihr rücksichtsvoll unterwegs seid, daß ihr das Wandern liebt und daß die Berge für euch nicht einfach nur Steinhaufen sind. Deshalb begegnet ihr mir jetzt. Es ist Zeit."
Lora und Koron schweigen verwundert - sie sind sicher, das Wesen wird weiterreden, wenn es soweit ist. Was hätten sie schon sagen sollen. Dann steht das Steingeschöpf auf und sagt:
"Kommt mit und fürchtet euch nicht. Wir brauchen euch. Folgt mir bitte."
Das Paar sieht einander an und in stiller Übereinstimmung stehen sie auf und Hand in Hand folgen sie dem seltsamen Wesen. Sie gehen zwischen den Steingesichtern hin durch, folgen einem sehr schmalen Pfad ein Stück den Berg hinunter und machen vor einer glatten Felswand halt.
Das Steinwesen steht ganz ruhig vor der Wand und nach ein paar Augenblicken öffnet sich eine Art Portal und dahinter .... nein, das ist keine Höhle, das ist ... eine liebliche Landschaft, sonnenbestrahlt und einladend. Koron und Lora verschlägt es den Atem.
Voll Spannung folgen sie dem Steinwesen, das sie jetzt in diese Land führt und einem breiten Weg aus kurzem Gras führt. In der Ferne sehen sie einen Wald, sie kommen ihm immer näher. Kurz davor bleiben sie bestürzt stehen: die Bäume bestehen alle aus Stein - und jetzt erst bemerken sie, daß sie über steinernes Gras gewandert sind. Die Bäume haben keine Gesichter, sie sind vollständig erstarrt. Da bewegt sich nichts, da raschelt nichts - es ist auch kalt und die Lieblichkeit des ersten Eindrucks ist verschwunden.
"Kommt weiter, bitte - wir sind noch nicht am Ziel!" bittet das Steinwesen und geht voran. Koron und Lora folgen schweigend, obwohl sich in ihnen ein ganzer Berg von Fragen auftürmt. Aber sie fühlen: Fragen sind jetzt nicht angebracht.
Nach einiger Zeit öffnet sich der Blick, die Bäume stehen nicht mehr dicht beisammen und man sieht das Ende des Weges: es führt durch ein Tor zu einem mächtigen Gebäude. Etliche Stufen führen zum Tor des Gebäudes - ist es ein Schloß? Oder eine Festung? Oder ....? Das Tor selbst wird von zwei großen Hunden flankiert - beide aus Stein, obwohl sie so aussehen, als wären sie gerade erst lebendig gewesen.
Das Tor öffnet sich, als sie näherkommen, ganz von selbst. Innen öffnet sich vor ihren Blicken eine weite Halle, sie ist leer bis auf etliche Gestalten, die anscheinend mitten in der Bewegung erstarrt sind. Sie alle sehen ihrem Führer und Begleiter ähnlich, sind aber größer und vermutlich älter.
Koron und Lora sind sprachlos, denn Mitgefühl schnürt ihnen den Hals zu. Hier ist eindeutig eine Katastrophe passiert und ihr kleiner Führer muß schrecklich traurig und vielleicht auch verzweifelt sein.
Das Steinwesen wendet sich einer Türe zu und sie folgen ihm schweigend. Diese Türe öffnet sich in einen relativ kleinen, gemütlich aussehenden Raum mit bequemen Sitzgelegenheiten, vielen Buchregalen an den Wänden und einem schönen Kamin, den dem ein Feuer brennt - oder vielmehr brannte, denn sogar die Flammen sind versteinert.
Ihr Führer geht zu einem der Regale und zieht ein Buch heraus .... und dieses Buch ist NICHT versteinert. Er lädt Koron und Lora ein, sich zu setzen und setzt sich selbst auch, nachdem er das Buch auf den versteinerten Tisch in der Mitte gelegt hat. Und nun spricht ihr Führer das erste Mal seit dem Gipfel.
"Das ist das Zuhause meines Volkes. Hier leben wir seit Jahrtausenden in Frieden mit den Bergen und der Welt. Aber - wie eure Dichter sagen - es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt. Und so ein Nachbar lebt im Land hinter dem Gebirge. Er hat es auf unsere Schätze abgesehen - und hat keine Vorstellung davon, worin unsere Schätze wirklich bestehen. Er denkt an Bodenschätze, Erze, kostbare Steine. Und deshalb hat er uns verflucht - damit er ungestört unsere Berge aushöhlen und abbauen kann."
Koron und Lora sind entsetzt. Aber jetzt ist es Zeit zu fragen. Lora macht zuerst den Mund auf (naja, sie ist ein Mädchen und uns Mädchen sagt man nach, wir seien geschwätzig):
"Du hast uns hierhergebracht und das bedeutet, daß wir eine Aufgabe haben. Aber wir sind ganz gewöhnliche Menschen, wie sollen wir gegen einen solchen Zauber angehen? Sag uns, was wir tun sollen und wir werden es tun, nicht wahr, Koron?"
Koron nickt betätigend. "Natürlich werden wir helfen, so gut wir können."
Das Steinwesen scheint aufzuatmen. Es nimmt das Buch in die Hand und hält es den Beiden hin.
"In diesem Buch ist eine Geschichte angefangen. Ihr müßt sie so fertigschreiben, daß unsere Welt wieder lebendig werden kann. Wenn ihr das schafft, habt ihr uns erlöst."
Lora und Koron bleibt der Mund offenstehen. Eine Geschichte fertigschreiben??? Koron legt das Buch auf den Tisch und schlägt es auf. Beide beugen sich darüber, bereit, die Geschichte anzufangen. Und da steht einfach:
"Ich bin. Ich will sein."
"Du bist. Du wirst mir Leben geben. Du wirst schreiben."
Der Rest der Seite ist leer. Und leer sind auch alle folgenden Seiten. Die jungen Leute sehen einander ratlos an.
Sie fragen sich, was sie zu tun haben. Sie müssen nicht eine Welt zum Leben erwecken, sie müssen die Welt glauben machen, daß sie lebt. Und genau das dämmert ihnen jetzt. Sie müssen durch diese Welt gehen und sie beatmen, denn dieser Welt fehlt nur der Atem.
Das kleine Steinwesen springt auf, geht zum Schrank und holt eine Feder und ein Tintenfaß heraus. Diese Dinge stellt es auf den Tisch und schaut die Beiden erwartungsvoll an.
Koron nickt Lora zu:
"Schreib du, deine Schrift ist besser als meine." Und er nimmt ihre rechte Hand in seine, Lora nimmt die Feder mit der linken Hand, bereit zu schreiben.
Beide Herzen sind jetzt vereint und Lora schreibt:
"Wir schreiben und du fängst an zu atmen. Du glaubst an das Leben und das Leben glaubt an dich. - Atme."
Es ist ganz still im Raum. Lora wiederholt: Atme. Ein feiner Luftzug geht durch den Raum und ein ganz leises Knistern. Ein Feuerschein taucht auf - ja! Die Flammen werden lebendig! Lora und Koron sehen einander freudig an. Es funktioniert! Und Lora schreibt wieder;
"Atme!"
Ein tiefer Seufzer hallt durch den Raum. Das kleine Steinwesen sitzt in einem Sessel und .... eine Träne läuft über seine steinerne Wange, die gar nicht mehr so steinern aussieht.
Es ist immer noch ganz still, aber dennoch: der Raum verändert sich ganz langsam, er bekommt Farbe und einen Hauch von Wärme. Und Lora schreibt:
"Atme!"
Das vormals versteinerte Wesen steht auf und es hat Farbe bekommen, ein lebendiger Junge schält sich langsam aus der Steinhülle, die nach und nach immer dünner wird und langsam verschwindet. Er läuft zum Fenster und öffnet es - und das Fenster bekommt immer mehr Holzstruktur, auch hier verschwindet der Stein. Der ganze Raum scheint lebendig zu werden. Und wieder schreibt Lora:
"Atme!"
Durch das Fenster kommt ein Luftzug - es weht ein sanfter Wind draußen und die Welt wird hell und heller. Der Wind fährt durch die Krone des Baumes im Garten und ... die Blätter bewegen sich, sie sind wieder grün ... und der Wind streicht über das Gras und es richtet sich auf und bewegt sich im Wind.
Und Lora schreibt:
"ATME. Atme für immer!"
Dann legt sie die Feder weg. Und Koron und Lora treten Hand in Hand ans Fenter und draußen weht der Wind und die Welt hat Farbe. Aus der Halle dringen Geräusche in die kleine Bibliothek. Der Junge schenkt den beiden einen liebenden Blick und öffnet die Türe in die Halle:
Koron und Lora treten zusammen mit dem Jungen in die Halle und da sehen sie ein bewegendes Bild: Menschen - Menschen! - die einander in die Arme fallen und weinen und lachen zugleich. Der Junge läuft zu einem Paar und wirft sich ihnen in die Arme - seine Eltern leben wieder.
Koron und Lora aber verlassen ganz leise die Halle und das Haus und wandern den Weg, der sie hergebracht hat, zurück - schweigend und mit übervollem Herzen.