Irgendwo in unserem Land lag einmal ein kleines Dorf ganz in der Nähe eines riesigen Waldes. Noch näher am Wald standen zwei Häuser, in denen befreundete Paare mit ihren Kindern wohnten. Die Familien besuchten einander oft und die Kinder spielten jeden Tag miteinander und tobten über die Wiesen. Aber niemand ging in den großen Wald, nicht die Dörfler und nicht die beiden Familien.

Der Wald war tabu, denn in ihm lebte ein schreckliches Ungeheuer. Niemand hatte es je gesehen, aber die Warnung wurde von Generation zu Generation weitergegeben.

Eines Tages spielten die Kinder wieder am Waldrand und auf einmal entdeckte eines der Mädchen wunderschöne Blumen unter den Bäumen und lief hin, um sich die Blumen anzuschauen. Natürlich folgten die anderen Kinder und schon entdeckten sie die schönsten und buntesten Pilze ein bißchen weiter im Wald. Die mußten sie sich näher anschauen! Plötzlich sprang ein Hase aus dem Gebüsch - holla, da liefen sie dem auch schon nach. Alle Warnungen der Eltern waren vergessen und die Kinder hatten ganz rote Backen vor lauter Endeckungs- und Abenteuerlust.

Und so gerieten sie immer tiefer in den Wald, der ihnen ständig neue Erfahrungen bot. Plötzlich stolperte der jüngste Bub über eine dicke Baumwurzel und fiel. Die Freunde liefen zu ihm, um ihm aufzuhelfen und dabei gerieten sie ins Rutschen - unter der dicken Laubschicht verbarg sich eine tiefe Grube. Unaufhaltsam rutschten sie hinunter auf den Grund. Sie versuchten sogleich, wieder hinaufzuklettern, aber die Wand war viel zu steil und zu hoch. Da begannen sie um Hilfe zu rufen, sie riefen laut und lange, aber sie waren schon zu tief im Wald. Das kleinste der Mädchen fing an zu weinen, aber niemand konnte sie hören.

Niemand?

In diesem Wald lebte seit Urzeiten ein Drache, und der war die Ursache, warum die Menschen den Wald mieden. Zwar war ihm noch niemand begegnet, aber die Sage vom Ungeheuer hielt sich hartnäckig. Er war der Letzte seiner Art und seit Jahrhunderten ganz allein, gemieden von allen, die um den Wald lebten. Fast hätte er das Sprechen verlernt, so allein und einsam war er.

Die Kinderstimmen machten ihn aufmerksam - wie lange hatte er das nicht mehr gehört! Und als das Mädchen zu weinen begann, schreckte er auf. Das durfte nicht sein! Also machte er sich ganz leise und vorsichtig auf den Weg zur Unglücksstelle. Er wollte die Kinder ja nicht erschrecken, also schob er den Kopf nicht über die Grube, sondern sprach die Kinder an, ehe sie ihn sehen konnten.

"Erschreckt nicht, Kinder, ich bin gekommen, um euch zu helfen."

"Wer bist du?" fragten die Kinder, doch etwas erschrocken über die plötzliche Stimme.

"Ich bin kein Mensch, aber fürchtet euch nicht!" sagte die tiefe Stimme freundlich.

"Ja, was bist du dann?"

"Ich bin ein Drache - aber ich speie kein Feuer! Darf ich mich zeigen?"

Ein Drache! Das war also das Ungeheuer, von dem die Eltern sprachen - aber er klang nicht wie ein Ungeheuer. Die Kinder wurden - bei aller Angst - neugierig.

"Ja klar, zeig dich! Du willst uns helfen? Hast du eine Leiter?" wollte der älteste Junge wissen.

Langsam schob der Drache seinen Kopf über die Grube. Himmel, war der groß! Aber er lächelte und die Augen waren so warm und freundlich.

"Nein, Leiter habe ich keine, aber eine Brücke!" und der Drache drehte sich um und ließ seinen Schwanz in die Grube gleiten. Ja, das war tatsächlich eine Brücke und der mutigste Junge kletterte schnell daran hinauf. Da trauten sich auch die anderen Kinder und bald standen alle um den Drachen herum.

Dieser legte sich lang auf den Boden, sodaß sein Kopf auf Augenhöhe der Kinder war, und lächelte sie an. Die Kinder hockten sich zu ihm und dann fragten sie:

"Wie können wir dir danken? Du hast uns so freundlich geholfen!"

Da sah sie der Drache traurig an und sagte:

"Ich würde so gerne wieder Kinder spielen sehen, ein Lied hören und Tänzern zuschauen - ich bin seit Jahrhunderten hier ganz allein und hätte so gern ein bißchen Gesellschaft. Werde ich euch wiedersehen?"

Da verloren die Kinder den letzten Rest von Scheu und versprachen freudig, ihn wieder zu besuchen. Aber erst mußten sie heim, denn viel Zeit war vergangen und sie wußten, die Eltern würden in Sorge sein.

Im Dorf und um das Dorf war die Aufregung groß. Alle Leute waren auf den Beinen und riefen und suchten nach den Kindern. Die Sorge verwandelte sich schnell in Schreck und Zorn, als sie die Kinder aus dem Wald laufen sahen. Nach der ersten Standpauke mußten die Kinder erzählen, und das taten sie, und die Eltern und alle Dorfbewohner hörten ihre Erzählung mit Staunen und Unglauben. Hatten die Schlingel sich das ausgedacht? Aber nach eingehender Befragung mußten die Erwachsenen einsehen, daß die Kinder die Wahrheit sagten.

Der Vater des ältesten Jungen hörte sich das alles ruhig an und überlegte im Stillen, wie man darauf reagieren sollte. Da baten die Kinder um Erlaubnis, den Drachen wieder zu besuchen. Die Erwachsenen schreckten zurück, aber der Vater sagte:

"Ja, ihr dürft - aber ich komme mit."

Und so geschah es. Der Drache war überglücklich, seine kleinen Freunde um sich zu haben und der Vater konnte sich selbst ein Bild machen vom magischen Freund seiner Kinder. Damit waren alle Vorurteile ausgeräumt und der Wald hatte seine Tore geöffnet und die Menschen strömten in den Wald - und der Drache war nie wieder einsam.