Seidenfell, der Abenteurer

In einem schönen Bergwald lebt ein netter kleiner Fuchs namens Seidenfell. Diesen Namen gab ihm sein Freund, ein Junge, der Tiere sehr liebt und dem die Tiere vertrauen. Viele Abende treffen sie sich unter einem bestimmten Baum, spielen miteinander und zuletzt rollt sich Seidenfell in seinen Armen zusammen und schläft eine friedliche Runde, und auch seinem Freund fallen dann mitunter die Augen zu. Nur eine alte Eule beobachtet dann die beiden Freunde mit einem kleinen Lächeln.

Aber es ist nicht immer Sommer - und damit beginnt unsere Geschichte. Denn unser Füchslein hasst den Winter. Nicht nur, dass es eisig kalt ist, es liegt auch eine Menge Schnee und es ist schwierig, an Futter zu kommen. Und sein menschlicher Freund kommt auch nicht. Es ist eine schlimme Zeit für die Tiere des Waldes!

ein Fuchs auf SkiernEines Abends ist Seidenfell unterwegs, er ist hungrig und schnürt entschlossen ins Dorf. Er wandert von Haus zu Haus und hält Ausschau nach Nahrhaftem. Die Aussichten sind nicht gut - aber plötzlich fällt ihm etwas ins Auge: an einer Hauswand lehnt ein Paar Skier, sogar mit Stöcken.

Eine Idee schlägt ein wie ein Blitz! Du staunst? Aber ja, unser Füchslein weiß genau, wie man Skier benützt! Das sieht er doch den ganzen Winter, wenn die Urlauber den ganzen Tag wie die Verrückten den Berg hinunterrasen.

Im Nu hat er die Skier geklaut, läuft zur Piste, schnallt sie an, nimmt die Stöcke in die Pfoten und saust los - Richtung Tal und Frühling.

Winter ade!

Im Tal angekommen, verdaut Seidenfell all die kleinen Stürze, legt die Skier fein säuberlich bei der Talstation des Liftes ab und wandert mit seinem Bündel auf dem Rücken über die Reste von Schnee ins Grüne. Schneeglöckchen säumen den Weg und es wird wärmer und immer sonniger, je weiter er nach Süden kommt. Er fühlt sich schon viel besser und genießt die Wanderung aus vollem Herzen. Hin und wieder läuft ihm eine frühlingsfrohe und sehr unvorsichtige Maus über den Weg, so muss unser Füchslein nicht hungrig bleiben. Hoffnungsfroh wandert er immer weiter und passiert auch etliche Bauernhöfe. Es wird wärmer und wärmer und bald erreicht er einen großen geheimnisvollen Wald.

Ja, dachte Seidenfell, hier lässt es sich leben!

Am Waldrand steht ein Bauernhof und den muss er passieren, denn der Weg führt hindurch und nicht durch die Felder. Oh weh! Da laufen eine Menge Hühner frei umher - und die machen einen Riesenlärm, als sie den Fuchs sehen. Und dabei hatte Seidenfell gar keine bösen Absichten ... Aber die schreckliche Aufregung lockt den Bauern herbei und der holt sofort sein Gewehr und setzt dem armen Seidenfell mit Mordsgebrüll hinterher.

Renn, Seidenfellchen, renn so schnell du kannst!

Und unser Füchslein rennt um sein Leben und entkommt mit knapper Not. Zuletzt pfeffert der wütende Bauer noch eine Ladung Schrot aus seinem Gewehr hinter Seidenfell her, aber der kann sich ducken und kommt unversehrt davon.

Jetzt muss er dringend irgendwo verschnaufen.

Außer Sichtweite des Hofes mit dem zornigen Bauern sieht er einen kleinen Stall mit offener Türe und schlüpft hinein. Der Stall ist leer aber die Krippe ist mit süßem, duftendem Heu gefüllt und müde, wie er ist, krabbelt unser Füchslein hinein - nur für ein paar Minuten, um zu verschnaufen. Prompt fällt er in tiefen Schlaf der Erschöpfung.

Nach einiger Zeit kommt der Inhaber des Stalles nach Hause, ein freundliches Shetlandpony und lächelt, als es den Schläfer sieht. Ganz leise flüstert es: Schlaf nur weiter, kleiner Fuchs, wir sind ganz allein und du bist hier sicher. Es legt sich ins Stroh und so bewacht es freundlich den Schlaf seines unerwarteten Gastes.

Am nächsten Morgen bedankt sich Seidenfell bei seinem freundlichen Gastgeber und wandert weiter, bis er wieder in den großen Wald eintauchen kann. Den ganzen Tag wandert er und erreicht abends, als der Mond schon aufgegangen ist, eine große Lichtung. Das ist allerdings ein seltsamer Wald, wie er ihn noch nie gesehen hat. Fremde Bäume, fremde Pflanzen wachsen hier und alle scheinen ein geheimes Leben zu bergen.

So schnürt er scheu vor sich hin, da bewegt sich der Boden unter ihm, bricht auf und die Gestalt eines mächtigen Daimons erhebt sich aus der Öffnung und breitet seine Flügel aus. Alle Tiere ringsum, auch der stolze Hirsch, versinken in einer ehrfürchtigen Verneigung, und so tut auch Seidenfell. Die Erscheinung hat ihr Gesicht dem Himmel zugewandt und dahin tragen die schönen Flügel den Daimon auch. Alle Tiere sehen ihm nach und erschauern vor Ehrfurcht.

Welch ein Erlebnis! Es ist ein unglaublicher Glücksfall, der Geburt eines Daimons beizuwohnen! Seidenfell aber sucht sich einen Unterschlupf und verbringt dort den ganzen nächsten Tag. Die ganze Aufregung und die magische Umgebung haben ihn erschöpft.

Abends wandert er weiter und begegnet unverhofft einem freundlichen Kobold und dieser redet ihn an und so beginnt ein Gespräch. Der Kobold erzählt ihm ein bisschen über den Wald und seine Bewohner und Seidenfell hätte sich gern mit ihm angefreundet.

Aber da kommt ein grimmiger Dachs daher, drängt sich zwischen ihn und den Kobold und besitzergreifend legt er eine Pfote auf die Schulter des immer noch lächelnden Kobolds.

Der zuckt nur die Schultern und sagt, während er abgedrängt wird: "Das ist mein Freund Grimbart - er ist halt ein bisschen eifersüchtig. Servus, vielleicht sehen wir uns wieder!"

Und dann sind die Beiden weg und Füchslein guckt ihnen verblüfft nach.

Während Seidenfell noch verdattert dreinschaut, hört er ein tiefes, unglaublich lautes Brummen. Er schaut sich um und da kommt im Tiefflug eine gigantische Hornisse um die Bäume herumgeflogen. Das Ding ist riesig und auch riesig schnell!

Unser Füchslein kriegt es mit der Angst zu tun, als er den grimmigen Blick der Hornisse entdeckt und flüchtet sofort. Er entdeckt eine Höhlung zwischen den Wurzeln eines riesigen alten Baumes und kriecht ganz schnell hinein.

Und BRUMMMMMMM fliegt die Hornisse ganz knapp vorbei, Seidenfell duckt sich und hofft, dass sie ihn nicht entdeckt hat. Zitternd bleibt er liegen – uff, welche Angst er hat! So ein böse blickendes Ungeheuer!

Unser kleiner Fuchs bleibt gleich in dieser Baumhöhle bis zum nächsten Abend, er muss sich von dem Schrecken erst mal erholen. Und der Wald ist doch so schön, still und wie verzaubert. Seidenfell kann sich gar nicht sattsehen daran. Aber - so ganz harmlos ist dieser Wald auch wirklich nicht! Kaum hat er sich wieder auf den Weg gemacht, zwingt ihn eine kleine Mäusearmee zum Halt. Sie schwenken ihre Schilde und fuchteln mit ihren Schwertern und Spießen und schreien:

Kein Fuchs wird uns hier in unserem Wald bedrohen! Wir dulden keine Beutejäger in unsrem Wald!“

Seidenfell ist verdutzt: er hat doch gar nichts angestellt! Aber sie lassen ihn nicht gehen, ehe er schwört, dass er keine Maus in dem Wald anrühren wird; erst dann darf er weitergehen, und im Stillen denkt er sich tatsächlich, dass vegetarische Ernährung unter Umständen eine gute Idee sein könnte.

Der Wald breitet sich weit aus, er scheint gar kein Ende zu haben. Seidenfell schlendert von Lichtung zu Lichtung und ruht unter manchem uralten Baum aus. Hin und wieder fallen ihm die Augen zu und er erwacht, weil ein vorwitziges Blatt auf seine Nase gefallen ist. Als die Sonne untergeht, zieht er fröhlich weiter.

Auch ein Fuchs ist nicht davor sicher, zur Beute zu werden - ein riesiger Adler hat ihn entdeckt und nähert sich rasant mit ausgestreckten Fängen. Füchslein sieht schon die starken Krallen vor sich, da erscheint aus dem Baum eine wunderschöne grüne Feengestalt und gebietet dem Adler Einhalt. Der Adler wendet sich enttäuscht ab und fliegt davon.

Nicht jeder Bewohner dieses Zauberwaldes ist offenbar ein Feind und Seidenfell ist heilfroh und zutiefst dankbar für den Schutz. Die Fee streichelt ihn und sein Fell fängt an zu leuchten, ja, sie hat ihn mit einem Schutz versehen und so wurde er in den Wald aufgenommen.

Jetzt darf er sich hier zuhause fühlen.

So wird Seidenfell schnell in die Gemeinschaft aufgenommen und weder die Mäuse noch der Adler betrachten ihn mehr als Fremden. Nun hat Seidenfell wirklich eine neue Heimatgefunden und er ist rundum glücklich. - Rundum? Doch. Aber er streift immer noch weit umher, so ganz ist er noch nicht zur Ruhe gekommen. Ja, unser Füchslein ist ein bisschen rastlos und erkundet die Gegend weithin. Dabei verlässt er natürlich auch den Wald, denn es gibt wunderschöne Blumenwiesen rundherum.

Und eines Tages passiert es: da spielt doch ein wunderschönes, weißes Fuchsmädchen mitten in einer Blumenwiese! Sie sehen einander ... gehen langsam auf einander zu ... und plötzlich klopfen zwei Fuchsherzchen im gleichen Takt. Wie schön die Welt doch ist! Sie rennen und spielen miteinander wie zwei Kinder und der Himmel war nie blauer und die Wiese nie grüner und die Blumen nie bunter …

Sie fühlen sich wie im Paradies und als der Morgen graut, wandern sie gemeinsam in ihr neues Leben zu zweit.