Mein Zimmer in der elterlichen Wohnung lag im ersten Stock über der Küche. Das Fenster, das stets offen stand, lag ungefähr einen halben Meter über dem Verandadach. Auf dieses gelangte man über ein Mäuerchen, das die stark ansteigende Gasse am Fuße des Schloßberges von unserem Hof trennte.

Einladend, nicht wahr?

Das dachte sich auch mein nächtlicher Besucher, der unbedingt in mein Zimmer wollte. Erschreckt durch die Becher für Malwasser, die zum Trocknen auf der Fensterbank standen, raste er als schwarzer Strich immer an der Wand entlang im Kreis durch mein Zimmer - über die Sitzgarnitur, über mein Bett, vor dem Schrank entlang zurück zum Fenster - und die ganze Runde noch einmal.

Ich saß ziemlich benommen auf meinem Bett, als der bis dahin nicht identifizierte Besucher sich mit einem gewaltigen Sprung aus dem Fenster zu retten versuchte - und sich hoffnungslos im bodenlangen Store verfing. Da lag er nun in einer Mulde außerhalb des Fensters und konnte sich nicht einmal auf die Füße drehen.

Da raffte ich mich auf und ging zum Fenster, um den Kerl zu retten - und grüne Augen funkelten mich ziemlich wild an. Sie saßen in einem großen Katzenkopf, viel größer als gewohnt, und der saß an einem ungewöhnlich großen Körper. Hatte sich doch glatt eine Wildkatze vom Schloßberg in mein Zimmer verirrt und ich war ziemlich ratlos, wie ich das Wildtier wieder loswerden konnte. Anfassen? Nie und nimmer!

Zuletzt faßte ich die Gardine oberhalb und unterhalb des Gefangenen zusammen, ängstlich darauf bedacht, nicht in die Nähe der Zähne und Krallen zu gelangen, und unter Aufbietung aller meiner Kräfte drehte ich die Katze - oder den Kater - mit Schwung um, sodaß er auf die Füße kam. Er machte sich eiligst los und verschwand blitzartig in der Dunkelheit, ich aber sank keuchend von der Anstrengung auf das Bett.

Niemand hätte mir das geglaubt, wären nicht die Spuren an der Gardine zurückgeblieben, denn die hatte das Abenteuer im Gegensatz zum Besucher leider nicht unbeschadet überstanden!

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Wesentlich ruhiger lief ein anderer Besuch ab: ich saß lesend in meinem Bett, die Nachttischlampe eingeschaltet, und hörte leise Musik im Radio. Plötzlich machte mich ein Kratzen am Fenster aufmerksam und ich erstarrte: ein wunderschöner Kautz hockte auf der Fensterbank und sah mich mit großen Augen an. Wir starrten einander etliche MInuten an, dann wandte sich der Vogel ab und flog lautlos davon.

Was für ein wunderbarer Besuch!

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Ich habe schon von unserem Zuhause auf dem Land erzählt. Dazu gehörte ein großes Grundstück von knapp 7000 qm, viel Wiese, eingeschlossen von hohen Bäumen und Sträuchern und mit schönen alten Bäumen und vielen Sträuchern bestanden. Wir haben absichtlich viel Geheck geschaffen, damit Vögel aller Art ihre Nester bauen können und das hat auch andere Wildtiere angelockt. Auch Fasane brüten auf dem Grundstück und gelegentlich kann man die Mutter beobachten, wie sie ihre Kinder im Gänsemarsch durch den Garten führt.

Ein Rehbock und eine Geiß haben ihr Refugium da und die Geiß zieht hier jedes Jahr ihr Kind - letztes Jahr waren es Zwillinge - auf. Auf einem der Videos von unserer Wildcam können wir beobachten, wie der Bock der Geiß nachstellt, aber für sie ist es zu früh und sie weist ihn, trotz seiner Hartnäckigkeit, strikt ab. Von Diele, Küche und Wohnzimmer aus können wir die Jungtiere beobachten und auch die Jungen einer Häsin, die auf unserem Grundstück jedes Jahr ihre Kinder aufzieht.

Ein Fuchs hinterläßt seine Marken, aber nicht nur die: Arbeiter haben für uns Möbel umgestellt und waren dazu auch in der Loggia, als einer von ihnen plötzlich aufschrie: "Da rennt ein Fuchs!" Das war am hellichten Tag.

Unsere Wildcam zeigte uns auch den Dachs, der seinen Bau in Bachnähe auf unserem Grundstück hat. Und das Mauswiesel konnten wir von unserer Terrasse auch beobachten, als es aus einem Loch im Boden rausguckte, seinen Kopf wie ein Periskop von einer Seite auf die andere drehte, heraussauste und flugs im nächsten Loch verschwand.

Eines der Hasenkinder war besonders unbekümmert: es kam ganz nahe an uns heran, wenn wir auf der Terrasse saßen, und störte sich auch nicht, wenn wir redeten. Eines Tages wollten mein Mann und ich etwas besorgen und als wir aus dem Haus traten, hockte der Hase nur zwei oder drei Meter entfernt vor dem Haus und tat sich an meinen Buschrosen gütlich. Ich fragte ihn laut: "Müssen es unbedingt meine Rosen sein?", da richtet er sich auf, schaute mich an - von oben nach unten und wieder zurück, wandte sich ab und knabberte weiter an den Rosen.

Nicht einmal unser Gelächter verscheuchte ihn.

Aber er revanchierte sich für unsere Duldsamkeit: eines Morgens, wir hatten auf der Terrasse gefrühstückt, tauchte unser Häslein auf und begann eine unglaubliche Vorstellung: er führte uns alle Künste eines ausgewachsenen Feldhasen vor, rannte wie verrückt auf und ab, schlug Haken, sprang in die Luft und drehte sich da gekonnt - kurz, er spielte das gesamte Repertoire vor uns ab. Wir sahen ihm atemlos zu. Das war sein Abschied, er suchte sich danach offenbar ein neues Revier, denn wir sahen ihn nicht wieder.

Es gäbe noch viel zu erzählen, von unserem Kampfigel, zum Beispiel. Der fauchte jedes Mal, wenn man an dem Strauch vorbeiging, unter dem er sich versteckt hatte. Eines Abends machte mein Mann noch seine Kontrollrunde und sah den Igel im Gras. Er beugte sich hinunter und das dreht sich der Igel mit einem Sprung um und fauchte ihn laut an, statt sich zusammenzurollen. Und so hatte er seinen Namen weg ...

Ein kleiner Igel saß im Oktober eines Abends in unserem Nordbeet und mein Mann rief mich, damit ich ihn sehen konnte. Ich schaute ihn an und sagte zu ihm: "Iß nur fleißig, damit du stark genug wirst, den Winter zu überstehen!" Der Kleine guckte mich an und - quatschte tatsächlich zurück! So etwas hatte ich noch nie zuvor gehört, ich wußte gar nicht, daß Igel reden. Ich hatte sie immer nur schnaufen und grunzen gehört. Und fauchen, siehe Kampfigel.

Es sammeln sich im Laufe der Zeit eine Menge Geschichten an, wenn man in der Natur zuhause ist. Ein paar ausgesuchte habe ich hier erzählt, von besonderen Besuchern.