Was ist eigentlich "Kunst"?

Ich weiß es nicht. Früher kam Kunst von Können. Kunstfertigkeit brachte Kunst hervor, allerdings nannte es man nicht Kunst, sondern Handwerk. Was bewundert wurde, weil es besonders schön war, galt als "künstlich". Das erscheint mir als ehrliche Bewertung.

Künstler waren ursprünglich Handwerker. Sie schufen schöne Dinge, wie herrliche Architektur, schöne Möbel und wunderschöne dekorative Elemente, wie Bilder und Fresken und Statuen. Sie waren Baumeister, Steinmetze, Zimmerleute und Maler und sie schufen unvergängliche Schönheit, mit der sich Kulte und reiche Leute umgeben wollten.

Lese ich die Biografie berühmter Künstler, so erscheint mir Michelangelo als der erste dieser Zunft. Er wollte mehr sein als ein Handwerker, der auf Bestellung arbeitet. Er wollte aus eigenem Gutdünken Künstliches schaffen und dafür erhalten werden. Sein ganzes Leben lang beneidete er seinen Zeitgenossen Leonardo da Vinci und haßte ihn dafür, daß dieser einen relativ großzügigen Mäzen gefunden hatte, der ihm einen geregelten Lebensunterhalt garantierte und ihm nicht immer vorschrieb, was er zu malen hatte. Trotzdem sah sich Leonardo nicht als Künstler sondern als Angestellter, der sich sein Dasein mit heimlicher und teilweise sehr gefährlicher Forschung versüßte.

Was ist Kunst heute? Mir will scheinen, Kunst ist heute das, was uns als Kunst verordnet wird. Niemand weiß so recht, wie man dazu kommt, aber die öffentliche Hand bezahlt teuer für Kunst. Graz hat Kunst.

Ich meine damit nicht, was in unseren Museen gezeigt wird, ich meine damit auch nicht die wunderschönen Paläste und Statuen, nicht einmal den großartigen Stadtparkbrunnen. Nein, Graz hat KUNST! 

Wer das Foto oben betrachtet, sieht rechts im Bild ein rostiges Ding, das nicht so recht ins Bild zu passen scheint. Das ist Kunst. Der Volksmund nennt es den rostigen Nagel und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Die Beliebtheit dieser "Skulptur" (sie entstand quasi als Bonmot, also als Kommentar zu einem Vorfall in Graz) ist so groß, daß man versuchte, sie bei Nacht und Nebel umzusägen. Das mißlang, was beweist, daß Bonmots in Graz solche Seltenheit haben, daß man sie nicht mehr loswird.

Neben dem Grazer Opernhaus steht eine "Skulptur", die aussieht, wie das Stahlgerüst der Freiheitsstatue - nur halt kleiner. Ein Werk, das jeder Schlosserlehrling im 3. Lehrjahr basteln könnte, gilt bei uns als Kunst und kostete Millionen. Ursprünglich stand sie vor dem Opernhaus, nach ernsthaften Protesten der Bevölkerung wurde sie - um weitere Millionen - ein Stück zur Seite gerückt. Ich habe gelesen, daß sich die Bevölkerung mehrheitlich gegen die Entfernung ausgesprochen habe. Seither bin ich auf der Suche - mit der Laterne am hellichten Tag - und suche nach dieser Mehrheit der Bevölkerung, die

a) gefragt wurde und

b) sich gegen die Entfernung ausgesprochen hat.

Ob ich jemals fündig werde?

 

I.R. 2017