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Kari

Als meine Mutter das Kuvaszpaar im Tierpark Herberstein in der Oststeiermark sah, verlor sie sofort ihr Herz und der Leiter des Tierparks mußte ihr versprechen, ihr aus dem nächsten Wurf ein Mädchen zu reservieren. Ein paar Monate später kam der Anruf: “Ihre Kleine ist auf der Welt und kann in etwa 8 Wochen abgeholt werden.” Leider verzögerte sich die Abholung, da meine Eltern kurz vor der Abfahrt in den Urlaub standen, und so wurden aus 8 Wochen 12 Wochen.

Mutti und ich holten unseren Familienzuwachs ab. Der kleine Hund war total verzweifelt und verstört, als er ziemlich grob aus der Familie gerissen und uns übergeben wurde. Meine Mutter lehnte meinen Vorschlag zu fahren ab und so setzte ich mich auf den Rücksitz zum Hundekind und gleich schob mir die Kleine ihre Nase in die Achselhöhle und so verharrten wir die ganze anderthalbstündige Fahrt. Das war der Beginn einer 10 Jahre währenden Freundschaft.

Kari war ein verschüchtertes Hundemädchen, von den Eltern immer sehr rauh zurechtgewiesen und mit der Menschenwelt überhaupt nicht vertraut. Sie hatte Angst vor allem, was in einem normalen Haushalt in Betrieb genommen wird, sogar vor dem Summen des Kühlschranks. Aus diesem Grunde machte ich mit ihr als erstes einen Rundgang durch das Haus, zeigte ihr alles, berührte alle Haushaltsmaschinen und zeigte ihr, daß sie harmlos waren. Da beruhigte sie sich etwas. Aber als meine Mutter versuchte, sie von Anfang an daran zu gewöhnen, in einem Einzelraum im Erdgeschoß des Hauses allein zu schlafen, geriet die Kleine in Panik und ich legte ein ernsthaftes Veto ein. So wurde ihr in der Wohnung meiner Eltern in der Diele ein Platz eingeräumt. Allerdings verbrachte sie die Nacht grundsätzlich zwischen den Schlafzimmern meiner Eltern.

Auf dem Grundstück wurde ein großer Bereich eingezäunt, das war ihr Auslauf. Sie versuchte öfter auszubüchsen und einmal schnappte sie auch nach mir, als ich sie zurückhielt, aber das kam nur einmal vor, dann wußte sie, daß ich in der Rangordnung vor ihr rangierte. Das war das einzige Mal, daß ich sie härter anfaßte.

Kari war ein kluger Hund, hatte zwar einen sehr harten Kopf und konnte unendlich stur sein, aber sie wollte gefallen und alles richtig machen. Als sie mit meiner Mutter nicht an der Leine gehen wollte, legte ich ihr die Zugkette um, hakte die Leine ein und hockte mich vor sie. Ganz ruhig erklärte ich ihr, wie nötig das sei und zeigte ihr, wie die Kette wirkt. Es dauerte vielleicht eine halbe Stunde oder ein bißchen mehr, dann fragte ich: “Versuchen wir es?” und sie ging anstandslos mit. Man konnte mit ihr reden wie mit einem verständigen Kind. Am liebsten ging sie mit meinem Mann spazieren, die Beiden waren ein Herz und eine Seele.

Mit unserem Pony verstand sie sich blendend. Die Beiden waren einander die schönste Gesellschaft. Häufig spielten sie Fangen und ich war baß erstaunt, was unser Joggele von ihr lernte: als Hütehund konnte Kari aus dem Stand mit voller Geschwindigkeit lossausen - Joggele übte so lange, bis er aus dem Stand losgaloppieren konnte. Auch schlug Kari ständig Haken, wenn das Pony hinter ihr her war - bis der Hengst das genauso konnte. Die Zwei liebten einander und wurden so gut wie unzertrennlich. Erst als Kari alt wurde, ließen wir sie nicht mehr ohne Aufsicht zusammen, denn das Pferd hätte sie versehentlich verletzen können, als ihre Wendigkeit und Kraft abnahm.

Wie die meisten Hütehunde war auch Kari sehr gutmütig und nahm alle und alles, was wir ihr zuführten, gerne an. Trotzdem war sie wachsam und paßte gut auf uns auf. Sie erkannte meines Vaters Auto genauso am Geräusch wie meines.

Auch mit meinem Mann verstand sie sich sehr gut und suchte seine Gesellschaft. Wann immer er im Hof oder Garten arbeitete, war sie bei ihm, lag ganz in seiner Nähe und genoß die stillschweigende Kameradschaft. Am glücklichsten war sie, wenn die ganze Familie beisammen um den Eßtisch saß und sich unterhielt. Dann lag sie unter dem Tisch, suchte sich ein Paar Füße, auf dem sie lag und schlief.

Leider wurde Kari nicht sehr alt. Sie wurde mit etwa 10 Jahren krank und der Tierarzt sagte uns, sie habe Krebs und die inneren Organe arbeiteten nicht mehr - ich hatte das schon gesehen, denn sie konnte sich auch nicht mehr entleeren. Er meinte, er könne sie bei sich behalten und sie noch ungefähr 10 Tage am Leben erhalten - aber das wollte ich nicht. So entschloß ich mich schweren Herzens, sie erlösen zu lassen und Kari schlief in meinen Armen friedlich ein.

Liebe gute Kari, ich hoffe, es gibt für unsere tierischen Freunde einen wunderschönen Platz im Jenseits, an dem du rundum glücklich sein kannst. Du wirst stets in unseren Herzen leben und bist absolut unvergeßlich!

Up
K