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Kampfkater

Mucki hieß er und war aus der Begegnung einer unserer Wildkatzen vom Schloßberg und einer Hauskatze hervorgegangen. Er war unglaublich groß, mit einem außergewöhnlich dicken Kopf und fühlte sich als der Größte, Stärkste und Unbesiegbare. Und er war es auch, all die Katerchen rundum hatten ihm nichts entgegen zu setzen.

Meine Großtante Luisi, die in unserer Nähe wohnte, war seine Ersatzmutter, sie hatte den Findling heimgetragen und großgezogen. Und wie groß! Zu ihrem Leidwesen war er ständig unterwegs und blieb oft viele Tage aus. In dieser Zeit häuften sich die Schreckensnachrichten und die Klagen der Katzenhalter meiner Stadt und der umliegenden Gemeinden.

Der liebe Mucki (was für ein harmloser Name für ein Monster!) hatte nämlich die Gewohnheit, sich aus den Näpfchen der anderen zu verpflegen. Er drang in deren Revier ein, verprügelte den Kater nach Strich und Faden und manchmal ging das durchaus tödlich aus für so ein Hauskaterchen, und machte sich über dessen Futter her. Aber auch den Katzen ging es nicht besser, auch über die fiel er her, ob sie nun ranzig waren oder nicht. Und junge Kätzchen hielt man besser ganz und gar in der Wohnung versteckt. Kurzum, er war ein Monster.

Mich verband tiefste Antipathie mit ihm - und zwar auf beiden Seiten. Zuhause hatte er seinen fixen Platz genau in der rechten Ecke der Küchenbank. Besuchte ich meine Großtante, bot sie mir natürlich Platz an und ich setze mich so weit weg wie möglich von seinem haßerfüllten grünen Gefunkel. Sie lachte immer herzlich darüber, aber eines wußte ich sicher: neben dem Monster hatte ich keinen Platz.

Als Tante Luisi über sein langes Ausbleiben wieder einmal sehr beunruhigt war, entdeckten wir ihn in unserem Garten und meine Mutter rief sein Frauchen an. Sie kam auch ganz schnell zu uns, mit einer riesengroßen, schwarzen Tasche mit einem festen Bügel. Als der liebe Mucki seine Dosenöffnerin und die Tasche sah, schwante ihm schon Böses und er sträubte das Fell, rannte aber nicht davon.Tante Luisi griff nach ihm und hob ihn auf und sofort verwandelte sich der Kater in eine waffenstarrende Festung. Alle vier Pfoten weit gespreizt, fast waagerecht vom Körper weg, die Krallen voll ausgefahren, sein Pelz in Stacheln abstehend, die Ohren zurückgelegt, alle Zähne entblößt, laut fauchend und mit rot-grün funkelnden Augen sah er aus wie der Hölle entsprungen. Meine mutige Mutter hielt die Tasche weit geöffnet und mit Müh und Not wurde die schwarz-graue Bestie darin verstaut, allem Widerstand zum Trotz.

Geschafft! Die Tasche schnell fest verschlossen und dann schleppten Tante Luisi und meine Mutter gemeinsam das tobende Ungeheuer über die Hoftreppe hinauf auf die Gasse. Dort verabschiedeten sich die beiden Frauen und dazu stellte Frauchen die Tasche ab. Ich werde den Anblick nie vergessen: hopp, hopp, hopp sprang die Tasche mit dem wütenden Kater die abschüssige Gasse hinunter, ganz allein! Ich war nur froh, daß ich bei der Freilassung nicht dabei sein mußte …

Mucki führte ganz sicher ein sehr erfülltes Katerleben, das für meine Großtante nicht unbedingt eine ungetrübte Freude war. Schließlich mußte sie sich ja ständig den Beschwerden und wütenden Klagen der Mitbürger stellen.

Aber wie es so mit den Bösewichtern ist: der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. So erging es auch dem wilden Kater meiner Großtante Luisi: eines Tages blieb er wieder aus - und kam nicht mehr zurück. Es hatte ihn wohl “im besten Alter” und weit vor der Zeit sein Schicksal ereilt, denn man hörte keinerlei Klagen der Katzenhalter mehr. Tante Luisi war untröstlich, aber niemand konnte ihr Leid so richtig teilen.

Aber ich bin sicher, er hatte alles, was sich ein Kater wünschen kann: ein wildes Leben, ein gutes Zuhause und eine liebende Pflegemutter. Na, Mucki, führst du dich im Katzenhimmel noch immer so auf?

Up
K