skip to content

Joggele

Gestatten: mein Name ist Joggele.
Im Alter von etwa sechs Monaten kam ich zur Familie, das ist jetzt schon mehr als zwanzig Jahre her. Mein Großvater weidete noch friedlich auf den kargen Wiesen der Shetlandinseln, ich aber bin schon ein waschechter Steirer.
Beim Kaufabschluß gab es für mich weder eine Koppel noch einen Unterstand. Außerdem mußte der Herr im Hause vorsichtig auf diesen Schock vorbereitet werden - wie ich hörte, trug er die Botschaft mit Fassung. Innerhalb von zwei Wochen wurde mein Revier umzäunt, ein schönes, immer offenes Häuschen für mich erbaut und ein Umlauf errichtet. Ich habe ein Luxusheim bekommen und bin mit einer Weide von etwa 3000 qm sehr zufrieden. Ein bißchen mehr Gesellschaft wäre nicht schlecht, aber wenn meine Leute im Garten arbeiten, lehne ich gerne am Zaun und schaue zu. Oft kommen sie auch zu mir rein und arbeiten da rum, das ist das größte Vergnügen für mich. Schließlich kann so ein Pony ja auch mal mithelfen, oder? Meine Leute nennen das allerdings anders! Manchmal fällt für mich dabei auch ein Stück Brot ab oder sowas in der Art ...
Ich bin ein freier Hengst, ganz und gar nicht geschult, man kann weder auf mir reiten noch ziehe ich einen Wagen, bin aber sanft-geschmust. Wenn man mir besonders süße Worte in die Nüstern flüstert, schließe ich die Augen und vergesse sogar auf das Atmen. Und ja-sagen kann ich, aber nur, wenn ich das auch will. Gewöhnlich lasse ich mich schon ein bißchen bitten!
Na, ich will mich ja nicht selbst loben, aber wenn man mehr Zeit für mich hätte, dann hätte ich noch viel mehr gelernt. Schließlich brauche ich nur zuzusehen und schon kann ich es. Als mein Herr mal den Spanndraht des Zaunes zudrehte, mit vielen Windungen, ging ich hinter ihm her und drehte die Enden fein säuberlich wieder auf - ich habe starke Zähne! Ich fürchte, das hat ihm weniger Spaß gemacht als mir ...

Ein großes Hobby habe ich: das Ausreißen. Wenn sich mir eine Möglichkeit bietet, bin ich sofort draußen. Das letzte Mal habe ich vor dem Abtransport auf meine eigene Weide noch schnell das Knoblauchbeet abgefuttert, mit Stumpf und Stiel. Nichts geht darüber, ordentlich Schaden anzurichten! Seither liebe ich Gewürzpflanzen, Zwiebeln ausgenommen; manchmal gibt es auch sowas für mich - aber nur ganz wenig (leider!). Besonders gern nasche ich die wilde Wicke - am besten schmeckt sie allerdings aus der Hand. Das funktioniert auch bestens - sobald die Wicke blüht, wird für mich geerntet. Jaja, man muß sich die Leute nur erziehen!
Und was sagen die Menschen von mir? Einer der Nachbarn, ein alter Bauer, meinte einmal: "Ös habts eahm ja nur als Zierde, net woahr?"
"So ist es," sagten meine Leute, "und zum Liebhaben."
Trauriger Nachsatz:
Unser Joggele ist nicht mehr. Am 25. Oktober 2002 wurde er krank und nach einem Vormittag voll Mühe und Hoffnung starb er nachmittags unter den Händen des Tierarztes, der ihn nicht mehr retten konnte.
Liebes Joggele, wo immer Du jetzt auch bist: wir hoffen, es geht Dir gut - wir werden Dich nie vergessen und Du fehlst uns sehr!

Up
K