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Gefiederte Gang

Hast du, lieber Besucher, auch eine Terrasse, auf der du deine Wintervögel füttert? Wir - nein, unsere Vögel haben. Ob Terrasse, Pergola oder Laube, wir sind schon lange enteignet. Wenn mein Mann im Sommer auf der Terrasse liegt, setzt sich der Kleiber oben auf die Querbalken der Pergola, verrenkt sich fast, um ihn besser zu sehen, und schimpft: "Verschwinde!" Sogar aus dem Wohnzimmer soll der eigentliche oder vermeintliche Hausherr schon vertrieben werden: unsere Terrassentür stand im Sommer weit offen und davor saß ein Blaumeiserich, guckte meinen Mann an und zeterte laut: "Hau ab! Hau ab!"

Hinter der Dachrinne hausen die Spatzen (Sperlinge), bauen im Frühling ihre liederlichen Nester und werfen mit Eiern und Jungspatzen - ein trauriger Spaß! Das ganze Jahr ist da oben wilder Betrieb und zeitweise balgen sie so sehr, daß sie auf uns herunterpurzeln. Erst bei Schulter- oder Kopfberührung fliegen sie auseinander. Heuer sind zwei im Teich gelandet; die Wasserberührung hat die Balgerei allerdings augenblicklich beendet. Dabei sind unsere Spatzen nicht wasserscheu: die meisten ziehen zwar das Sandbad vor, doch haben sie den Amseln das Bad im Teich abgeguckt. Auch die Meisen, der Kleiber und die Finken nützen die Badeplätze ebenso wie die Wildtauben.

Ihr Morgenlied vollbringen unsere gefiederten Eroberer auch nicht auf den Feldern, wie das Lied behauptet, sondern in den Bäumen und Büschen rund um's Haus. Und das "gleich nach Mitternacht", wer soll da noch schlafen? Im Winter klingt es mehr nach Geschwätz und Geplauder, manchmal auch Gezänk, und das hört nicht einmal während des Futterns auf.

Im Frühling wird gebalzt und alles, was wir entbehren können (oder auch nicht, wer fragt schon danach?), wird als Nistmaterial verwendet. Wir stellen den trockenen Christbaum raus und lassen die Watte drauf (Zellstoff, nicht Kunststoff), die ist sehr beliebt. Im Frühsommer ziehen sie ihre Jungen groß, da ersetzen uns deren Flugversuche Kino und Fernsehen und ihre Singproben das Varieté.

Im Sommer und Herbst ernten sie, was sie nicht gesät haben: unsere Cornelkirschen,  "Dirndln" auf gut steirisch, bekommen wir zur Reifezeit überhaupt nie zu Gesicht und unsere Kirschen sehen wir, sogar ehe sie reif sind, nur im Vorbeiflug. Die süßen, weißen Trauben futtert nahezu die ganze Gartengesellschaft (sämtliche Piepmätze, Haselmaus, Wespen, Hornissen und andere Räuberchen), wir kriegen kaum etwas davon ab. Die Isabellatrauben schmecken vor allem dem Rotkehlchen und den Bienen. Stellt Euch vor: davon blieb im letzten Herbst sogar etwas für uns übrig! Auch heuer haben sie die Isabellatrauben nicht ganz geschafft, wohl aber die weiße Sorte.

Es herrschen auch rauhe Sitten bei uns: Goldibrumm, die Hornisse, macht gewaltig Jagd auf unser Wespen und Bienen in der Laube, zwischendurch stärkt sie sich auch am Traubensaft. Und der Sperber versucht immer wieder, unsere Vogelschar zu dezimieren. Einmal sahen wir ihm bei der Spatzenjagd zu, aber unsere Spätzchen sind recht schnell und schlau: der kleine Kerl schlüpfte geschwind durch die Zweige der Schneespiere und sein Verfolger sauste mit Blitzesschnelle hinterdrein. Bums, landete der Sperber im Gestrüpp, während der Spatz auf der anderen Seite entwischte. Das gefiel dem Jäger gar nicht, vor allem unser lautes Gelächter verscheuchte ihn augenblicklich.

Im Winter füttern wir sie und schauen ihnen vom Eßplatz im Wohnzimmer aus zu. Wir schleppen Sonnenblumenkerne heran für das große Bezirksvogeltreffen, halbierte Äpfel werden ausgelegt, für das Rotkehlchen wurde ein eigener, gedeckter Weichfutterplatz eingerichtet, damit die Amsel nicht alles wegfuttert, und Galatheas Mutti klopft mit größter Begeisterung Nüsse auf.

Meisenringe baumeln in luftiger Höh' und drei Futtertürme sowie zwei hängende und ein stehendes Futterhaus werden dem Spieltrieb der Meisen (inzwischen kommen auch Spatzen, Blaufinken und Zeisige hin) gerecht - all der Aufwand dient dem Wohlergehen unserer kleinen Tyrannen. Sogar der Zaunkönig stattet uns da seinen Besuch ab! Was tut man doch nicht alles für das abwechlungsreiche Frühstücks-TV!

Unsere Futtergäste führen uns ein wahres Lehrstück auf: Verhalten am Futterplatz und die verschiedenen Arten des Mampfens: picken, hacken, scharren, schütteln, graben, hämmern usw.

Der Buntspecht, zum Beispiel, steckt die vom Boden aufgelesenen Körner in Spalten von Pflöcken oder des Nußbaumstammes und hämmert drauflos; manchmal macht er das auch bequemerweise und unüberhörbar im Futterhäuschen. Sein Anflug macht solchen Wind, daß die kleinen Vögel einfach hinausgepustet werden.
Die Amsel hingegen stöbert mit keckem Schnabelschwung in den Kernen und stürzt sich darauf wie auf den Wurm. Die Fasanhenne wiederum scharrt wie ein Huhn, ehe sie pickt.
Unsere Zeisige sind am Boden die friedlichsten Geschöpfchen, aber im Futterhaus lehren sie die anderen Vögel, auch die großen, das Fürchten: mit abgespreizten Flügelchen und weit offenem Schnäbelchen sausen sie auf die Konkurrenten los wie Furien - und der unerwünschte Besucher zieht verdattert ab. Die schlimmsten Raufbolde untereinander sind die Blaumeisen, sie lassen aber die anderen Arten in Ruhe. Und so weiter und so fort ... Wir könnten Romane erzählen über das Treiben unserer gefiederten Gäste.

Sie "danken" uns unsere Mühe und den ganzen Aufwand: unter allen Bäumen im Garten (und deren haben wir viele!) wächst kein Grashalm - dafür aber Brennesseln! - mehr, denn ein dicker Polster von leeren Hülsen der Sonnenblumenkerne deckt den Boden ab. Unsere Rebstöcke, Balken und Gitter der Pergola sind weiß von Vogelmist und unsere Terrasse - lasset uns den Mantel des Schweigens darüber breiten!

Aber im Sommer putzen sie Bäume und Sträucher und befreien sie von Schädlingen. Unser Teich hält nämlich auch diejenigen, die sich im Sommer in die Wälder zurückziehen, in Gartennähe. Sie kommen mehrmals am Tag zum Trinken und etliche erfrischen sich auch mit einem Bad. Es ist beeindruckend, wie leicht sie sind: sie können sogar auf unserem zarten Wasserhahnenfuß sitzen, ohne unterzugehen!

Außerdem halten sie sich für Gottes allerbeste Gartenarchitekten: überall gehen neue Bäume und Sträucher auf, zum Teil willkommen, zum überwiegenden Teil nicht. So wirken unsere Vögel auch als Fitness-Trainer, denn der Wildwuchs muß beseitigt werden. Das dient der schlanken Linie.

Also, lieber Besucher, wie lange willst du unumschränkter Herrscher auf eigenem Grund und Boden bleiben? Lege dir einen Vogelfutterplatz zu, reichlich ausgestattet, und sieh dann zu, wie lange du noch das Kommando hast!

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