skip to content

Kunst - volksnah?

2003 machte ich meinen Gefühlen Luft: brauchen wir millionenteure, von oben verordnete Kunst?

In der roten Ära der Stadtoberhoheit wurde unserer Stadt Kunst verordnet. Ein Ergebnis dieses politischen Kunstverständnisses steht vor unserem Opernhaus. Es nennt sich Lichtschwert und hat eine verdächtige Ähnlichkeit mit dem Baugerüst der Freiheitsstatue in New York. Die Unvollendete, sozusagen.

Dem Betrachter will scheinen, daß Kunst etwas ist, das kostet. Viel kostet. Und es hat gekostet, das Lichtschwert: ein paar Millionen (damals noch Schilling). Und das Versetzen um ein paar Meter nach allgemeiner Empörung der Bürger hat wiederum ein paar Millionen gekostet. Die Beseitigung wäre billiger gewesen, der Schrottwert deckt aber leider nur einen Bruchteil der Kosten. Die Kunst liegt sicherlich vor allem darin, daß es dem Künstler gelungen ist, als Kunst zu verkaufen, was einem Schlosserlehrling im dritten Lehrjahr vielleicht als Gesellenstück abgenommen würde.

Vor dem Stadtparkbrunnen, einem Kunstwerk, steht der "Rostige Nagel", ein verordnetes Kunstwerk. Geboren wurde er als witzige Verbildlichung eines Tagesproblems, er ist sozusagen ein Bonmot. Und weil das bei uns solche Seltenheit hat, wurde es als Kunstwerk für die Ewigkeit installiert. Er ist den Bürgern so lieb und teuer, daß man ihn schon in einer Nacht- und Nebelaktion abzusägen versucht hat, leider erfolglos. Der Seltenheitswert eines Bonmots scheint einem solchen bei uns ein langes Leben zu garantieren.

Der Bürger bezahlt's. Heute habe ich gelesen:

"... Auch die große Aufregung um das Lichtschwert hat sich gelegt und als es abgebaut werden sollte, hat man sich für die Beibehaltung ausgesprochen."

Ich suche. Ich suche noch immer nach den Bürgern, die erstens: gefragt wurden und zweitens: sich für die Beibehaltung des Lichtschwertes ausgesprochen haben. Die Laterne für den hellichten Tag habe ich schon angezündet und ich suche und suche und suche ............

Inzwischen hat die Stadt schon lange eine schwarze Regierung, aber das Kunstverständnis hat sich keinen Deut geändert. Im Gegenteil: jetzt scheint "Kunst" vom Grad der Freundschaft mit den Stadtpolitikern abzuhängen.

Unsere Stadt hat eine Dachlandschaft, die in das Weltkulturerbe aufgenommen wurde. Cara ist sehr glücklich, daß dies noch vor dem Bau des Kunsthauses geschah, dessen Dach verzweifelt an ein mißglücktes anatomisches Präparat erinnert. Zum Glück ist es blau und nicht rot. Dieses Dach hat als Kunstwerk zu gelten, ist undicht und kostet ...

Ein großes Grazer Warenhaus, das seinerzeit ein Jugendstiljuwel war, durfte umgebaut und total zerstört werden. Das Dach wurde bis heute nicht nach den vorgelegten und bewilligten Plänen fertiggestellt und sticht mitten im Herzen dieser Dachlandschaft aus den wunderschönen, mehrere Jahrhunderte alten Dächern, abscheulich heraus. Offenbar kann man mit Geld alles kaufen.
Kunst ist wertvoll. Die Bürger unserer Stadt können das bestätigen, sie bezahlen sie ja. Und mir will scheinen, man braucht Kunstwerke heutzutage nicht unbedingt anzusehen. Liegt die Kunst doch weniger im Objekt selbst als in den Erklärungen, warum man das gute Stück als Kunst zu betrachten hat. Galathea muß gestehen: sie ist bei moderner Kunst immer ganz Ohr. Das Auge erholt sich geschlossen.
Einst kam Kunst von können. Damals hieß die Arbeit allerdings noch nicht Kunst, sondern Handwerk. Wobei die Feststellung nötig ist: auch heute gibt es unter den bildenden Künstlern noch Künstler. Der Unterschied: man muß ihre Werke nicht hören, man kann sie (an)sehen.
Leider nicht bei uns.

Up
K