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Eine Umfrage im Dezember 2002 in München ergab, daß 39% der Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren nicht einmal wissen, was "Weihnachten" bedeutet. Antworten wie: "Da ist der Weihnachtsmann gestorben"oder "Weil Winter ist" usw. deuten darauf hin, wie wenig sich viele Eltern mit ihren Kindern beschäftigen.
Wieviel redet solch eine Mutter, solch ein Vater mit ihrem / seinem Baby, mit dem Zweijährigen, dem Dreijährigen? Gewöhnlich erfährt ein Kind in diesem Alter den Hintergrund von Weihnachten. Was haben diese Eltern ihren Kindern eigentlich mitgegeben? Doch wohl nur Taschengeld, wie es scheint?
Und das sind unsere Kinder (nicht alle, zugegeben, aber viel zu viele!): Kinder, die den Hintergrund unserer Feste und Feiertage, also die Grundlage unserer abendländischen Kultur, nicht kennen; Kinder, die ohne Bezugsperson, ohne Gesprächspartner aufwachsen; Kinder, die sich in den Straßen herumtreiben, in Parks herumlungern, in Gruppen renommieren, sich bunt herausputzen, betrinken und sich mit Hilfe von Drogen als unverwechselbare Persönlichkeit zu fühlen versuchen. Kinder, die mit Rempeln auf sich aufmerksam machen; Kinder ohne Selbstwertgefühl, die keiner will und um die sich niemand kümmert. Hyperaktive Kinder, die mit Medikamenten ruhiggestellt werden. Kinder mit viel zuviel Geld und viel zu wenig Zuhause.
Was ist Zuhause? Gewöhnlich der Ort, an dem die Familie zusammenkommt, um gemeinsam zu essen, miteinander zu reden, Differenzen auszutragen und sich zu versöhnen, einander Vertrauen und Zusammengehörigkeitsgefühl zu zeigen, zu schlafen; die Burg, die jeder Mensch braucht, um sich vom Gedränge abzugrenzen und zu erholen. - Die Familie: der Personenkreis, der am engsten miteinander verbunden ist. Menschen, die ihre eigene Sprache sprechen, weil sich aus dem, was die Eheleute in ihre Gemeinsamkeit mitgebracht haben und dem, was ihre Kinder erfinden, eigene Traditionen und Riten entwickelt haben.

So sagt die Theorie. Wie sieht die Praxis aus? Zum einen gibt es da viele Eltern, die kaum noch etwas miteinander zu reden haben, oft nur mehr eine lose Interessengemeinschaft, aber keine Gemeinschaft oder gar Partnerschaft praktizieren (denn wenn zwei das gleiche tun, ist das keine Partnerschaft. Partner sind Menschen, die einander ergänzen, damit alle Bereiche abgedeckt werden.). Beide sind berufstätig, der Lebensstandard ist hoch, Geld ist das geringste Problem.

Zum andern: Viel zu viele alleinerziehende Mütter müssen ihren Lebensunterhalt und den ihrer Kinder verdienen. Nicht alle dieser Frauen (leider immer weniger) sind aber durch Schicksalsschläge wie Todesfälle oder Scheidung in diese Lage geraten; ein großer Teil hat diese Lebensform freiwillig gewählt. Man ist zwar nicht partnerschaftsfähig, aber mit einem Kind will man sich schon dekorieren. Nur: wie kann man die Verantwortung für ein Kind übernehmen, wenn man schon die viel unkompliziertere Verantwortung für eine Lebensgemeinschaft nicht übernehmen kann oder will?

Ein Kind lernt, wie jedes andere junge Lebewesen, in erster Linie durch Beobachtung. Ge- und Verbote, Ermahnungen und Belehrungen sind Ergänzungen, aber das "Vorleben" durch die Eltern beeinflußt das Verhalten des Kindes ungleich mehr. Von diesen genauen Beobachtungen hängt später auch die Partnerschaftsfähigkeit des jungen Menschen ab, sein Selbstwertgefühl, seine persönliche Einschätzung des eigenen Stellenwertes. Das Verhalten der Eltern: reden sie nicht oder kaum miteinander, wie tragen sie ihre Meinungsverschiedenheiten aus, wieviel wird gemeinsam unternommen, wie reagieren die Eltern auf die Außenwelt, wie und wieviel reden sie mit dem Kind, wie reagieren sie auf die Fragenflut des Kindes - all das nimmt das Kind vom Tag seiner Geburt an auf und verarbeitet es zur Grundlage seiner eigenen Verhaltensweisen und Selbsteinschätzung.

Sozialverhalten, Traditionen, die Grundlagen des Lebens in der Gemeinschaft, der Gruppe, lernt das Kind in den ersten drei Lebensjahren daheim. Der Kindergarten stellt eine Erweiterung seiner Lebenserfahrung dar; die Schule dient bereits der Anwendung des früher Gelernten und der Ausformung des Durchsetzungsvermögens. Kindergärtner und Lehrer sind keine geeigneten Bezugspersonen für Kinder. Kindergärtner führen ihre Schützlinge in größere Gruppen ein, sind mehr Mediatoren als Erzieher. Lehrer wiederum sollen Wissen vermitteln, nicht die Grundlagen des Sozialverhaltens. Lehrer sind schon gar nicht Elternersatz.
Anscheinend hat sich heute die Meinung breitgemacht, daß der Staat oder sonstwer, jedenfalls alle anderen, nicht aber die Produzenten, für die Erziehung der Kinder verantwortlich sind. Solche Meinungen gab es immer schon (für jedes Haserl wachst a Graserl, sagte man bei uns), aber die Verbreitung dieser Fehlmeinung ist heute wesentlich größer als seinerzeit. Das Ergebnis der eingangs erwähnten Umfrage macht das Versagen der Eltern mehr als deutlich: innerlich verwahrloste, verwilderte und im Stich gelassene Kinder, denen die Eltern nicht einmal die Grundlagen unserer abendländischen Kultur nahegebracht haben, sind leichte Beute für Drogen, sexuelle Früh"reife", Kriminalität und Sekten. So wachsen Kinder auf sich selbst gestellt und alleingelassen heran und sind als Erwachsene weder gruppen- noch partnerschaftsfähig.
Das Ergebnis? Jeder für sich und ich allein gegen die ganze Welt. Eine beunruhigende Perspektive unserer abendländischen gesellschaftlichen Zukunft.

So schrieb ich vor 15 Jahren. Inzwischen ist diese Kindergeneration herangewachsen und wir sehen das Ergebnis. 

 

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