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Institutionen

Einst deckten sich Kunst und Handwerk; der Handwerker war nur erfolgreich, wenn er sein Werk gefällig gestalten konnte. Aus diesem Grunde war Kunst, die wir heute so bewundern, allgegenwärtig. Man findet sie unschwer an und in Kirchen und öffentlichen Bauten, aber auch an und in Privathäusern. Sie steht in Gärten und auf öffentlichen Plätzen, ziert Parks und Brücken. In dieser Zeit deckte sich das Wort "künstlich" mit dem Begriff "kunstvoll", denn damals beherrschte die Kunst das Handwerk bzw. der Künstler sein Handwerk, weil er Handwerker war.
Lang' ist's her ...
Mit Michelangelo Buonarotti wurde der Handwerker zum Künstler. Er löste sich aus der Handwerkstradition, war unzufrieden mit der Notwendigkeit des Broterwerbs, verachtete seine Auftraggeber und haßte das Universalgenie Leonardo, der seine Kunst als Werkzeug zur Forschung und Entwicklung benützte und immens reiche und einflußreiche Förderer hatte. Ein erstes Künstlerschicksal.
Mit dieser Loslösung aus der Handwerkstradition begann das Hungern der Künstler. Ihre Kunst war nicht so gefragt, denn die Handwerksdisziplin fehlte. Man wollte sich frei entfalten und nicht den Vorstellungen von vermögenden Auftraggebern entsprechen. Dennoch erwartete man, daß die freie Entfaltung bezahlt würde - eine eigentümliche geistige Verirrung.
Einige wenige Künstler schafften diesen Spagat. Sie gerieten an, nun, sagen wir: verständnisvolle Förderer, die ihre Werke ankauften und sammelten. Diese Förderer nenne ich vorausblickend, denn sie sahen anscheinend die künftige Entwicklung vorher und schufen - Moden. Mit der Anzahl der verkauften Werke stieg auch der Ruf des Künstlers und die Nachfrage. Der neue Geldadel erwies sich als richtungsweisend auf dem Weg in die Welt der öffentlich geförderten Kunst. In diesem Zusammenhang taucht auch das Kunstwort "Kultur" als Sammelbegriff für die Künste auf.

Der moderne, sogenannte demokratische Staat sieht die Förderung der Kultur als seine Aufgabe. Allerdings: was Kultur eigentlich ist, wäre heute mehr denn je zu hinterfragen. So entstanden Kunstuniversitäten anstelle der Lehrlinge ausbildenden Werkstätten und die Beamtenschaft nahm den Kunstbetrieb in ihre ... Hände. Die Vereinheitlichung der Kunst war und ist in vollem Gange. Ja, und wer entscheidet, was Kunst ist?
An letzterer Frage scheiden sich die Geister. Die Schere zwischen dem Kunstverständnis des Staatsbürgers gemeinhin und den sogenannten Volksvertretern und ihren geförderten Favoriten klafft weit auseinander.
Was Kunst zu sein hat, bestimmt der Beamtenapparat, beeinflußt von den "gönnenden" Politikern bzw. einer kleinen Schicht selbsternannter Kunstsachverständiger. Letztere besteht in erster Linie aus einem Klüngel an großen Galeriebesitzern und ein paar beamteten Lehrern an Kunstuniversitäten.
Der gelernte Staatsbürger hat den Eindruck, daß die Aufnahme in die Riege der geförderten Künstler der Maxime folgt: Wer uns zu Gesicht steht, wird gefördert. Wer uns nicht reinkriecht, bleibt draußen.
Die Masse der Staatsbürger hat mit der offiziellen Kunst wenig im Sinn. Zum Teil kennt sie die Künstler nicht, weil diese in ihren Inzuchtinstitutionen sozusagen begraben sind; zum anderen Teil sind die Werke dieser Künstler, sofern bekannt, viel zu teuer und für den Normalverbraucher unerschwinglich. Außerdem bezahlt er sie ja sowieso mit seinen Steuergeldern.
So wurde der Künstler zum Beamten. Entsprechend sieht die Kunst aus.
Und was macht der dies alles bezahlende Staatsbürger? Er kauft - Kunsthandwerk, die neue Kultur. Zum Glück wurde sie von den Sachverständigen und dem Beamtentum noch nicht entdeckt und institutionalisiert. So hat sie die Chance, lebendige Kultur zu bleiben. Denn was ist schon Kultur? Doch die Summe der Lebensart eines Volkes, nicht wahr?

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