skip to content

Gastkommentar 2006 Teil 2

4:17 - draußen ist es kalt, Frostblumen am Fenster, die Knöchelchen schreien laut " uaah"… mein Kopf brummt. ... ich hätte mir wohl vorher überlegen sollen, ob ich sie vornummeriere, um sie hinterher wieder an die richtige Stelle zu setzen. Wie viele Knochen hat ein Mensch im Leibe, die sich schmerzhaft melden können?
Der Kater sitzt mit völlig entsetzten ungläubigen Augen auf der Bettdecke, glotzt mich an und erklärt mich wahrscheinlich für verrückt, weil ich um diese Zeit aufstehe.
"Mama, ist doch noch Nacht," scheint er zu sagen, rennt dann aber beglückt zum Katzennapf um zu sehen, ob schon was drin ist.
Meine Augen sind, glaube ich, das Einzige, was noch ungetrübt funktioniert, obwohl sie vor Schlaflosigkeit tränen. Ich erwärme den Raum mit Kerzen und fühle mich wie in der Nachkriegszeit, als die Menschen sich noch ihre Häuser selbst aufbauten.
"Nachbarschaftshilfe II" habe ich das betituliert, was ich hier in den PC donnere, aber es lässt mich einfach nicht die Augen schließen, um unbeschwert zu schlafen.

Vor einigen Tagen schrieb ich über die Sorgen und Nöte einer Singleperson, wenn sie "alt und körperlich eingeschränkt" ist, heute über Selbige mittleren Alters ohne diese Einschränkungen.
Treten Situationen ein, die tatsächlich erfordern, andere um Hilfe zu bitten, hört man oft - und darin scheiden sich die Geister bzw. trennt sich die Spreu vom Weizen: "ach weißt du, ich kann gerade nicht, hab keine Zeit, zuviel zu tun", oder "ach, ich hab`s im Kreuz und kann sowieso nichts tragen!".
Wenn es dann allerdings darum geht, den Einstand zu feiern, sind alle wieder da. Man weiß und kennt das schon, also lässt man es gleich und fragt erst keinen nach dem Motto: "hilf dir selbst, dann hilft dir Gott"!

Mir sträuben sich die Haare, wenn ich daran denke und zwar jedes einzeln auf dem Kopf, soweit ich meine noch spüre, irgendwie scheint meine Kopfhaut taub zu sein, alles andere spüre ich mit einer Deutlichkeit, als käme ich eben aus dem Mutterleib und entdecke mich neu.
Wir ziehen seit 3 Tagen um, nicht ich, meine beste Freundin.
Seit weit über einem Jahr suchte sie schon ein Haus mit Garten, um endlich dort für eine längere Zeit zu bleiben, wo man nichts mit Vermieterquerelen zu tun bekommt, seine Ruhe hat und sich aufgehoben weiß.. Nun hat sie das Richtige gefunden, doch um welchen Preis. Die Besitzer des Hauses ziehen weit weg in eine andere Stadt, wollten unbedingt Mieter, die das Objekt in Ordnung halten und einen längerfristigen Vertrag unterschreiben.
Sie sind nett, ich habe sie vor und bei der Schlüsselübergabe kennen gelernt, doch auch die Nettigkeit hat Ursachen: das Haus ist nämlich marode. Das heißt, es geht nicht um eine kleine Modernisierung eines lang bewohnten Hauses und Renovierung, sondern um eine Haussanierung.
Das Bad wäre über 30 Jahre alt, müsse eh dringend in Schuss gebracht werden, sie würden die Kosten für die Materialien übernehmen. Daraus wurde eine vollständige Baustelle, eigentlich hätte man einen völlig neuen Raum neu bauen müssen, was letztendlich jetzt auch geschieht. Also alle Kacheln raus, alle Anschlüsse neu. Zum großen Glück ist ihr Ex "Maler und Tapezierer" und übernimmt diese Arbeiten aus Gefälligkeit und gegen geringen Lohn.
Nicht nur, dass beim Ausbau der Dusche ein Wasserschaden festgestellt wurde, der sich bis ins Treppenhaus entwickelte, nein - auch die Spüle in der Küche war undicht. Es tropfte verdächtig.

Die Decken und Wände der einzelnen Zimmer waren mit Styropor abgedämmt, was ein Darübertapezieren und nicht nur ein "schnell mal darüber streichen" erfordert. Meine Freundin hat daraufhin Tapeten für ein ganzes Haus bestellt.
Dann schleifte sie mit ihrem privaten PKW schon seit mehreren Tagen ihre nicht gerade wenigen Habseligkeiten und die ihrer Tochter, die in einem anderen Ort wohnte,  von einem Dorf zum anderen und stellte Umzugskartons und Kleinteile im Gartenhaus um die Ecke ab, um am eigentlichen Umzugstag, wegen der schweren Möbel, Schränke und sperrigen Sachen, nur noch 2 oder 3 x mit dem Bus fahren zu müssen. Das hält unglaublich auf, kostet eine Menge Benzin, Körperkraft und Nerven.
Normalerweise übernimmt man ja "besenrein", wenn nicht "renoviert" ausgemacht ist. 
Als ich gestern kam, traf ich auf eine Baustelle.
Im Hof stand ein Container, randvoll gefüllt mit dem Müll der Hausbesitzer. Im Keller türmten sich, außer Schmutz, Staub und nicht leer geräumter Regale noch diverse und nicht gerade wenige Habseligkeiten, die erst noch entsorgt werden mussten.
Das Bad war vollständig seiner Kachelwände und Böden beraubt. Wo war die Dusche? Weg. Erstmal. Die Badewanne ziemlich verschrammt, da wird wohl ein neuer Belag drauf müssen um sich nicht das Popöchen zu verletzen. Ein einsamer Baustellenstrahler enthüllte ein Schlachtfeld von Staub, Schmutz und ein gähnendes Loch im Boden.
Der Keller wurde eben noch von einem Freund der Tochter schon zum 4 ten Mal, weil die Farbe nicht deckte, von dunkelgiftigem Krankenhausgrün in gefälliges Sonnengelb überstrichen, um eine Wohneinheit daraus zu gestalten.

Eigentlich hätte man Tine vom Fernsehteam "wir streichen ihre Wände und kreieren alles neu" bitten müssen, innerhalb einer Woche eine komplette Wohnungssanierung durchzuführen, denn im Schlafwohnbereich der Tochter mussten die vergitterten Kellerfenster gegen normale "man kann auch mal rausgucken" ersetzt werden. Das heißt Mörtelstaub, Mauerdurchbrüche und Dreck, Dreck, Dreck ohne Ende.
"Wer kommt noch?" fragte ich und hörte - "keiner mehr".
Na das wars dann.
Wie das alles zu schaffen ist, darüber zermartere ich mir wahrscheinlich seit gestern den Kopf.
Allein das Zusammenbauen des Bettes hat mich und ihren Freund einen geschlagenen Nachmittag gekostet. Wann die Schränke stehen, die Waschmaschine angeschlossen, der Fernseher und PC betriebsbereit sein werden, das steht noch weit in den Sternen, das kommt morgen, übermorgen und überübermorgen dran.
Ach ja, die Elektrik. Uns wurde freundlicherweise mitgeteilt, dass manche Anschlüsse zu wünschen übrig ließen, da ist schon mal einiges falsch angeschlossen worden in älteren Häusern und nicht anders behebbar, was zu Wohnungs- und Häuserbränden führen kann und eigentlich verboten ist.
Wenn dann eventuell irgendwann in einigen Räumen eine funktionierende Deckenlampe ihr helles Licht über etwas erschöpfte Gesichter scheint, die Roll-Ladenverankerungen wieder in den Wänden verschwunden sind um sie zu benutzen, damit man die Kälte und neugierigen Nachbargesichter etwas aussperren kann, haben wir sicher den Eindruck: "man ist hier zuhause". Ein wenig erschöpft sind wir alle, ich denke, im Moment würden wir uns nicht gerade bei einem Schönheitswettbewerb qualifizieren können. Trotzdem habe ich das Gefühl, wir sind schon ein ganzes Stück weitergekommen und einige Räume nehmen langsam aber sicher Wohnlichkeitscharakter an.

Dennoch wünschte ich, einige Menschen, die man schon lange kennt, oder Arbeitskollegen früherer und jetziger Zeiten würden einmal nachfragen: "Sag mal, können wir dir helfen, du ziehst doch um?"
copyright by Angelface (die Daten der Autorin sind Galathea bekannt)

Liebes Engelchen, das kennt man doch: man hat einen Haufen netter Bekannter, aber nur einen einzigen Freund. Und der ist auch derjenige, der kommt, wenn er gebraucht wird. So wie du.

Up
K