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Europa und Buddha

Über den Buddhismus, vor allem den tibetischen Buddhismus, wurde schon viel geschrieben. Die Bücher dazu sind Legion; die meisten davon in englischer Sprache. Wozu dann noch diese Seite? Einfach deshalb, weil sich Cara seit einiger Zeit Gedanken darüber macht, wie oft ohne irgendwelche Ahnung vom Tuten und Blasen geurteilt wird. Man hat das im Rahmen des Kalachakra-Rituals in Graz 2002 wieder deutlich gesehen.
Der liebe ORF hat damals aus gegebenem Anlaß eine Diskussion veranstaltet zur Frage, ob der Buddhismus Europa beeinflussen wird. Damit hat er eine Flut von Meinungen und Urteilen losgetreten, die mit der Frage gar nichts zu tun haben. Nicht zuletzt hat er auch christliche Eiferer und Fundamentalisten (die gibt es nicht nur im Islam, und sie sind überall gleich schädlich) auf den Plan gerufen. Meiner Meinung nach ist die Frage selbst schon Unsinn. Der Buddhismus hat mit Europa nichts im Sinn, die Lehre Buddhas wendet sich an den einzelnen Menschen und nicht an eine unbestimmte Menge. Somit hat die Diskussion nur eines gezeigt: daß die Mehrheit der Leute urteilt ohne sich zu informieren.
Cara hat sich ziemlich intensiv mit der Lehre dessen, den man bei uns einfach Buddha nennt, beschäftigt und ist zur Erkenntnis gekommen, daß sie ihrem Wesen nach keine Religion, sondern eine Anleitung zur Selbsterziehung ist.
Bei der Verbreitung der Lehre durch die Schüler und deren Nachfolger wurde daraus infolge der Verschmelzung mit bodenständigen Riten (die Buddha übrigens akzeptierte, weil sie Teil der Religion waren und seine Lehre davon unabhängig war) eine Religion, und unsere abendländische, katalogisierende Einstellung ordnet die Lehre unter die -ismen ein.
Was lehrt Buddha? Er zeigt, daß alles, was entstanden ist, die Folge meiner Weltanschauung und Handlung ist, daß nichts aus sich selbst "ist". Ich bin wie ich bin, weil ich mich so denke und entsprechend meiner Vorstellung von mir und der Welt, wie ich sie sehe, handle und damit die vorhandene Realität schaffe (Buddha unterscheidet sehr wohl Ursache und Wirkung). Das heißt nicht, daß es mich in dieser Form nicht gibt; aber ich sehe mich nur als Einzelwesen und habe mich damit geistig aus der Ganzheit, zu der ich eigentlich gehöre, isoliert und kann die Zusammenhänge nicht mehr erkennen, weil ich auf das gemeinsame, angeborene Wissen nicht zurückgreifen kann. Der Grundgedanke der Lehre Buddhas stimmt, so scheint es, mit dem "kollektiven Unbewussten" C.G.Jungs überein, wie es Ulli Olvedi in ihrem Aufsatz in "Living Buddha" (Clemens Kuby, Ulli Olvedi Goldmann Verlag, ISBN 3-442-42490-9) aufzeigt.
Buddhas Lehre will uns einen Weg zeigen, aus dem Dickicht von Gier, Aggression und Ignoranz (nach einer anderen Lesart: Neid, Hass und Trägheit), den drei "Verdunklern" unseres Bewusstseins und stützende Elemente unserer geistigen Isolierung, zur klaren Erkenntnis der Nichtigkeit unseres "Anhaftens" aufzusteigen. Angestrebter Endzustand ist die Auflösung des isolierten ICH in das Nicht-Ich-Bewußtsein des Nirwana - des jenseits allen Seins und aller Erfahrungen Liegenden, und somit das Ende der Kette der Wiedergeburten.
Den Weg zu diesem Zustand aber, so lehrt Buddha, muß jeder für sich gehen, am besten mit der Hilfe eines einfühlsamen, erfahrenen Lehrers, der die auftauchenden Schwierigkeiten und Möglichkeiten zur Lösung anfallender Probleme aus eigener Erfahrung kennt. Diese Lehre kennt keinen Erlösergott, der uns das fertige Werk vorsetzt. Jeder ist sein eigener Erlöser, nach einem harten, langwierigen Weg voller Disziplin und überwundener Rückschläge.
Deshalb wird sich die Lehre in unserer satten Überfluss- und Spaßgesellschaft nicht durchsetzen. Bei uns muß alles schnell gehen und vor allem: Spaß machen! Insbesondere die Forderung Buddhas: "Prüfe selbst und glaube nichts unbesehen!" stößt bei uns auf grosse Schwierigkeiten, verlangt sie doch selbständiges Denken und den Willen zur Übernahme eigener Verantwortung. Wir sind aber gewöhnt, das Denken und die Verantwortung den anderen, sprich: dem Staat und seinen Institutionen oder den Vorgesetzten oder sonst Jemandem, zu überlassen. So hat sich Österreich zu einem Land voller Sicherheitsabsperrungen und Zäune, materieller wie geistiger Art, entwickelt und die Menschen erweisen sich einmal mehr als Herdentiere, die blind einem Anführer hinterherlaufen.
Sicher breitet sich bei uns in Europa, ausgehend natürlich wieder von Amerika, eine Spielart des Buddhismus aus. Beeinflusst von der regen Tätigkeit und den zahllosen Schriften tibetischer Lehrer und ihrer amerikanischen und europäischen Schüler wenden sich immer mehr Sinnsuchende einem modifizierten tibetischen Buddhismus zu. Trotzdem: es sind einzelne Personen, ein Tropfen auf den heißen Stein, die mit einer geistigen und politischen Veränderung Europas überhaupt nichts im Sinn haben, sondern die sich voll und ganz auf ihre eigene "Befreiung" konzentrieren.
Wie kann eine solch individualistische, auf den Einzelnen bezogene Lehre Europa beeinflussen?

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